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Menschen der Bibel

Der Kampf gegen das messianische Judentum

Jakobus, der Bruder des Herrn, stirbt als Märtyrer

 


Zusammenfassung

Joseph Kaiphas war von 18 bis 36 n.Chr. Hoherpriester in Israel, ein Schwiegersohn des Ananus (Hannas), der von 6 bis 15 n.Chr. Hoherpriester war. In einem Jahrhundert, in dem 28 Hohepriester amtierten, schaffte er es, sich 18 Jahre im Amt zu halten. Er begegnet Jesus als oberster Richter seines Volkes und ist maßgeblich am Zustandekommen des Todesurteils beteiligt. Er hielt sich so lange an der Macht, wie auch Pilatus Statthalter von Kaiser Tiberius in Syrien war (26 bis 36 n.Chr.), hatte also offenbar gute Beziehungen zu Pilatus und verlor sein Amt nahezu gleichzitig mit Pilatus.

Im vorangehenden Kapitel haben wir nachverfolgt, wie Paulus als treuer Zeuge Jesu Christi in Jerusalem auf den Hass der religiösen Führer des Judentums und deren Anhänger gestoßen ist. Bereits dort wurde deutlich, wie Jakobus, der Bruder des Herrn und treue Beter für das Volk Gottes, versucht, Paulus und die ganze Gemeinde als messianische Juden zu profilieren versucht. Er tut alles, um deutlich zu machen, dass die Gemeinde Jesu in Israel in der Tradition des Mose steht und Jesus als den von den Erzvätern, von Mose und den Propheten verheißenen Messias anerkennt. Josephus und Eusebius überliefern uns Hinweise über den Tod des Jakobus, den einerseits der volle Hass des Jesus-feindlichen Teils der Juden trifft, der aber bis zu seinem letzten Atemzug seinem Auftrag, für das Volk zu beten, treu bleibt. Mit dem Tod dieses treuen Beters nimmt für Jerusalem das Verderben seinen Lauf, das im Jahre 70 mit dem Brand des Tempels, dessen Vorhang bereits beim Tode Jesu am Kreuz zerrissen ist, und der Zerstörung Jerusalems sein vorläufiges Ende findet und im Jahr 135 nach dem Bar-Kochba-Aufstand auch das Ende der jüdischen Siedlungen in Judäa bedeutete. Das Wort Jesu: Jesus spricht zu ihr: Weib, glaube mir, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berge, noch zu Jerusalem den Vater anbeten werdet. (Johannes 4,21 *) wird Wirklichkeit.

Schlagwörter: Agrippa II. - Ananias ben Nebebaios - Ananus ben Ananus - Apostel Johannes - Apostel Nathanael - Apostel Philippus - Barnabas - Bibel - Clemens von Alexandria - David - Eusebius von Caesarea - Flavius Josephus - Gaius Cestius Gallus - Gott - Hannas - Hegesippus - Heiliger Geist - Herodes der Große - Hoher Rat - Ismael ben Phiabi II - Jakobus - Jakobus, Sohn des Zebedäus - Jeremia - Jesaja - Jesus - Jesus ben Damnaeus - Jochanan - Joseph Kabi - Joseph Kaiphas - Kaiser Tiberius - Lucceius Albinus - Lukas - Marcus Antonius Felix - Mose - Nero - Nikodemus - Paulus - Pharisäer - Pontius Pilatus - Porcius Festus - Sadduzäer - Schriftgelehrter - Simon Petrus - Sohn - Theophilus - Titus - Trinität - Vater - Vespasian

Bereich Anregungen

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Menschen in der Begegnung mit Gott
Die großen Glaubensfrauen und -männer der Bibel - Ihre Stärken und ihre Schwächen

Paulus zurück in Jerusalem
Zwischen Prophetie und Berufung

Der Fall Jerusalems aus der Sicht des Talmud
Gott steht zu Israel

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Inhaltsverzeichnis

Thema: Pragmatismus und das Reich Gottes

Thema: Wie behalte ich die Lage im Griff

Thema: Die Himmelfahrt Jesu

Thema: Pfingsten - Die Ausgießung des Heiligen Geistes

Thema: Jetzt muss sich der Hohepriester auch noch mit ungelehrten Leuten und Laien herumschlagen

Thema: Krankenheilungen sind kein Argument - Politik gegen die Jünger Jesu

Thema: Die Gewalt eskaliert

Thema: Die Bekämpfung des Messias Jesus verselbständigt sich zu einer systematischen Verfolgung

Thema: Die Staatsmacht greift ein

Thema: Paulus zurück in Jerusalem

Thema: Der Kampf gegen das messianische Judentum

Thema: Der Fall Jerusalems aus der Sicht des Talmud

Thema: Abgrenzung

Thema: Eine Theologie, um die Fehler der Väter zu rechtfertigen

Thema: Messiasprophetien des Alten Testamentes

Thema: Die Erfüllung der Messiasprophetien aus Sicht des Neuen Testamentes

1.1 Herkunft Kaiphas

1.2 Kaiphas im Neuen Testament

1.3 Der Prozess gegen Jesus im Hohen Rat

1.4 Der Prozess gegen Jesus - Nicht nur ein jüdisches Problem

1.6 Spielball der Mächtigen - Judas Iskarioth

1.7 Fazit zum Prozess gegen Jesus im Hohen Rat

2.1 Der Hohepriester Kaiphas begegnet dem Messias

2.2 Die Arroganz der Wissenden

2.3 Die Erleichterung nach der Kreuzigung

2.4 Die Angst vor der Auferstehung - Oder: Alte Lügen erfordern neue Lügen

2.5 Ostern ist der Höhepunkt göttlichen Handelns

3.1 Der Hohe Rat organisiert - Gott handelt

3.2 Unbemerkt vom Hohen Rat - Der auferstandene Herr, Jesus Christus, erscheint den wirklich wichtigen Menschen

3.3 Jesus Christus sucht den Glauben

4.1 Der Hohe Rat ist schwer beschäftigt - Das Pfingstfest in Jerusalem

4.2 Ein Fischer aus Galiläa predigt im Tempel in Jerusalem - Und Tausende hören zu

4.3 Was ist zu tun?

5.1 Der Hohe Rat übergeht das Pfingstereignis in Jerusalem schweigend - Aber es kommt noch schlimmer

5.2 Heilung ohne Erlaubnis des Hohen Rates - Und dann auch noch dies Gerede von der Auferstehung

5.3 Das Verhalten des Petrus ist unerträglich - Aber nur für den Hohen Rat

5.4 Schon wieder ein Prozess

5.5 Der Beschluss der Glaubensväter - Aber Petrus und Johannes sind nicht beeindruckt

5.6 Die kraftvolle Reaktion der Gemeinde

5.7 Gott zieht weiter

6 Erneute Wunder und die Reaktion der Staatsmacht

6.2 Rechtgläubigkeit - Irrtum ausgeschlossen oder Können wir Gott auf unser Bibelverständnis festlegen?

6.3 Konnte der Hohe Rat das eigentlich wissen? - Täter oder Opfer?

6.4 Gruppendynamik im Hohen Rat oder Man muss zu seinen Entscheidungen stehen(?)

6.5 Im Hohen Rat gab es mehr Weisheit als gedacht - Das weise Rat Gamaliels

6.6 Umkehr - Wie schwer fällt es gestandenen Männern

7.1 Stephanus wird Diakon in der wachsenden Gemeinde

7.2 Die Predigt des Stephanus - Keine Verteidigungsrede sondern Klartext

7.3 Die Reaktion - Dem Hohen Rat entgleitet der Prozess

7.4 Jesus steht und ist bereit, Stephanus zu entgegen zu gehen

7.5 Warum lässt Gott das zu

8.1 Saulus greift ein - Das Eigentor der Vertreibung

8.2 Jesus greift ein - Saulus bekehrt sich

9.1 Agrippa I - Herkunft

9.2 Agrippa I - Schulden über Schulden

9.3 König Agrippa I

9.4 König Agrippa I und die Christen

9.5 Gebetserhörung - und keiner will es glauben

9.6 Die wahre Stimme Gottes

9.7 ... und die Kirche wächst

10.1 Paulus weiß, was auf ihn zukommt

10.2 Der zeitlich Rahmen

10.3 Prophetische Warnungen des Paulus auf seiner Reise nach Jerusalem

10.4 Paulus kommt in Jerusalem an

10.5 Paulus wird in Jerusalem erkannt

10.6 Paulus in römischer Gefangenschaft

10.7 Paulus predigt in Jerusalem

10.8 Paulus nutzt sein römisches Bürgerrecht

10.9 Paulus vor dem Hohen Rat

10.10 Die Zeit des Hohenpriesters Ananias

10.11 Der HERR kennt die Seinen

10.12 Paulus vor Felix

10.13 Seelsorge am Statthalter Felix

10.14 Paulus vor dem Statthalter Festus

10.15 Festus und Herodes Agrippa II

10.16 Paulus verteidigt sich vor Herodes Agrippa II

10.17 Paulus verlässt Judäa - Fazit

11.1 Die spärlichen Informationen am Ende der Apostelgeschichte

11.2 Jahreszahlen vor dem Angesicht des ewigen Gottes

11.3 Der Bericht des Flavius Josephus über den Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn

11.4 Eusebius ausführlicher Bericht über den Tod des Jakobus

11.5 Der Dienst des Jakobus

11.6 Zeitenwende zum Krieg

11.7 Nachdenkliches über Rechtgläubigkeit

11.8 Jakobus muss es nicht mehr erleben

11.9 Die weinenden Hohenpriester

11.10 Die Abwärtsspirale

12.1 Die Sikarier - Terrorismus bereits im Altertum

12.2 Der babylonische Talmud zu der Zerstörung Jerusalems

12.3 Einige Bemerkungen zum Bericht des babylonischen Talmuds zu der Zerstörung Jerusalems

12.4 Flavius Josephus zu den Eigentumsrechten nach der Zerstörung Jerusalems

12.5 Freuet euch mit Jerusalem

13.1 Jesus über die Gefahren für die Gemeinde

13.2 Instrumente der Abgrenzung im Talmud

13.2.1 Der zwölfte Lobpreis im Achtzehngebet

13.2.2 Der Synagogenbann

14.1 Jesus zitiert Psalm 110

14.2 Was lehrt uns das Verhalten Jesu?

14.3 Psalm 110 in der jüdischen Tradition vor Jesus

14.4 Die Bedeutung des Psalmes 110 für das Neue Testament

14.4.1 Die Kirchenväter über Paulus als Autor des Briefes an die Hebräer

14.4.2 Der Brief an die Hebräer und Psalm 110

14.4.3 Melchisedek ist ein Priester eigener Art, kein Mensch, der Vater und Mutter hätte

14.4.4 Melchisedek ist größer als Abraham und erst recht größer als Levi und Aaron

14.4.5 Das Priestertums Melchisedeks löst das levitische Priestertum ab

14.4.6 Der Messias aus dem Stamm Juda ist kraft seiner Auferstehung Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks

14.4.7 Der Eidschwur des allmächtigen Gottes

14.4.8 Die Freude über das Priestertum Jesu

14.4.9 Fazit

14.5 Zwei Messiasse? - Sacharja 4,14

14.6 Der Talmud und die Abgrenzung gegenüber den Christen

14.7 Der Umgang des Talmud mit Psalm 110

14.7.1 Deutung von Psalm 110 auf Abraham

14.7.2 Deutung von Psalm 110 auf Hiskia

14.7.3 Deutung von Psalm 110 auf David

14.8 Spricht Gott zu den Menschen oder sprechen Menschen zu Gott?

Frühe Prophetien vor Jakob

Jakob prophezeit den Messias aus dem Stamm Juda

Mose prophezeit den kommenden Propheten

Messiasprophetien der Psalmen

Messiasprophetien des Propheten Jesaja

Messiasprophetien der weiteren Propheten vor dem Exil

Messiasprophetien des Propheten nach dem Exil, Haggai, Sacharja und Maleachi

Das Bild vom Eckstein

Der Messias ist König und Hoherpriester zugleich

Der Spross

Die Deutung des Hohenpriestertums Christi im Hebräerbrief

Die Offenbarung des Christus am Ende der Zeiten

Gott, der Vater, ist Herr der Prophetien

Was sind Messias-Prophetien

Die frühen Prophetien auf den Messias

Der Messias, König und Priester im Alten Testament

Der Spross Davids

Der Messias, König und Priester im Neuen Testament

Der Gottesknecht

Das erste Gottesknechtlied

Das zweite Gottesknechtlied

Das dritte Gottesknechtlied

Das vierte Gottesknechtlied

Erfüllte Prophetien nach Matthäus

Die Ankündigungen des Messias seit Abraham

Der Messias kommt aus Bethlehem

Der Messias und Ägypten

Der Messias als Licht für die Menschen in der Finsternis

Der Messias wird für die Menschen leiden

Der Messias wird triumphieren

Der Messias wird verraten werden

Der Lohn des Verrats

Falsche Zeugen treten gegen den Messias auf, aber der Messias schweigt

... wie ein Verbrecher

Der Messias wird verspottet

Das Grab des Messias

Die Auferstehung des Messias

Fazit zu den Messiasprophetien bei Matthäus

Erfüllte Prophetien aus den weiteren Evangelien, der Apostelgeschichte und den Briefen

Jesus als der verheißene Prophet

Jesus als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks

Jesus wird von den Seinen, den Juden, abgelehnt und gehasst

Jesus Christus und der Geist Gottes

Judas Iskarioth: Sein Amt soll ein anderer empfangen

Der Messias: Geschlagen und angespuckt

Der Messias: Durchbohrt

Der Messias: Er betet für seine Feinde

Der Messias: Nicht ein Bein wird gebrochen

Der Messias: Soldaten werfen das Los um sein Gewand

Der Messias: Aufgefahren zur Höhe

11.1 Die spärlichen Informationen am Ende der Apostelgeschichte

Hätte jemand die Apostelgeschichte nach Neros Tod, nach der Zertstörung Jerusalems geschrieben, zu einer Zeit, als die Apostel alle schon tot waren, so hätte er nicht so abrupt geendet, wie Lukas es tat. Er berichtet sehr ausführlich über die Reise des gefangenen Apostels Paulus nach Rom. Wir erfahren Einzelheiten über den Schiffbruch und die Rettung auf Malta. Wir erfahren sogar, welches Zeugnis Paulus auf Malta für seinen Herrn Jesus Christus ablegt. Wir erfahren Einzelheiten, etwa, dass das Schiff, das Paulus nach Italien bringt, das Zeichen der Zwillinge führt. Und dann hören die Namen plötzlich auf. Es wird noch erwähnt, dass Paulus zwei Jahre lang in einer Mietwohnung in Rom gelebt hat und dort Menschen empfangen hat und ihnen von Jesus Christus erzählt hat, dass Paulus ungehindert arbeiten konnte. Und dann bricht die Apostelgeschichte unvermittelt ab. Kein Hinweis, wohin Paulus sich jetzt gewandt hat. Keine Namen von Christen in Rom. Warum sollte ein Autor, der im zweiten Jahrhundert schreibt, die spannendsten Teile seines Buches weglassen, insbesondere, wenn es ein Mensch ist, der sich nicht scheut, auch einmal eine Predigt oder eine Wundergeschichte zu erfinden, um seinen Text auszuschmücken. Das ist wenig glaubhaft. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass Lukas jetzt sehr vorsichtig wird, denn er schreibt in den Jahren der Christenverfolgung des Nero. Er will also den Häschern des Nero keinen Anhaltspunkt liefern, wo sich die Gemeinde versammelt, wo die leitenden Brüder wohnen, keine Namenslisten von führenden Christen in Rom erstellen. Er schreibt ganz vorsichtig, um seine Apostelgeschichte einigermaßen passabel abzuschließen, aber sein Hauptanliegen ist es, kein falsches Wort zu schreiben, das gegen die Brüder verwendet werden könnte. Damit läge ein ähnliches Phänomen vor wie in den Evangelien, wo die Synoptiker deutlich vorsichtiger mit der Nennung von Namen sind als der Apostel Johannes, der sein Evangelium schrieb, als z.B. Lazarus schon längst tot war. Er verwendet auch Informationen aus dem Hohen Rat, die von den Synoptikern möglicherweise deswegen nicht genannt wurden, weil sie damit Miglieder des Hohen Rat des Geheimnisverrates bezichtigt hätten, vielleicht den Nikodemus.

Diese Zurückhaltung zeigt sich auch darin, dass die Apostelgeschichte das Martyrium des Jakobus, des Bruders des Herrn nicht erwähnt, obwohl es im Jahr 62 erfolgte, im Todesjahr des Statthalters Porcius Festus. Es ist denkbar, dass Lukas vor der Abfassung seines Berichtes der Apostelgeschichte gar nichts davon erfahren hat, weil er in Rom war, weit weg von Jerusalem. Es sind aber auch hier politische Rücksichtnahmen denkbar, dass Lukas die Juden in Rom nicht provozieren wollte.

Unter diesen Annahmen ist auch plausibel, dass wir von einer eventuellen Spanienreise des Paulus nichts erfahren, damit die römischen Häscher nicht mitbekommen, wo sie nach Paulus suchen müssen. Ein Tod des Paulus unmittelbar nach der Zeit in der Mietwohnung ist wohl eher auszuschließen, denn dann hätte Lukas keine Scheu haben müssen, darüber zu berichten. Stattdessen ging Lukas wohl davon aus, dass seine Leser, insbesondere sein Adressat Theophilus, wissen, was danach geschah, ebenfalls ein Hinweis auf eine frühe Abfassungszeit der Apostelgeschichte vor 70, dem Fall Jerusalems.

11.2 Jahreszahlen vor dem Angesicht des ewigen Gottes

Paulus wurde vom Statthalter Marcus Antonius Felix festgenommen und dem Statthalter Porcius Festus übergeben. Marcus Antonius Felix residierte von 52 bis 60, Porcius Festus von 60-62. Paulus wird von Porcius Festus dem Agrippa bei dessen Antrittsbesuch vorgestellt. Bei diesem Treffen wird auch beschlossen, ihn nach Rom zu senden. Daher kann man davon ausgehen, dass Paulus im Herbst 60 nach Rom gesandt wurde und dort im Frühjahr 61 ankam und bis 63 in einer Mietwohnung lebte. Danach könnte er nach Spanien gereist sein, allerdings wegen der wachsenden Verfolgung der Christen eher insgeheim. All dies bleibt für uns im Dunkel. Unser geschichtliches Interesse an der Apostelgeschichte ist Lukas zwar nicht fremd, allerdings hat er andere Prioritäten, er möchte die großen Taten des Herrn verkündigen, die durch die Predigt der Apostel erfolgten. So ist sein Bericht eher eine Fortsetzung des Evangeliums, eine Verkündigung der Auferstehung Jesu, die sich nicht nur in der Ostergeschichte manifestiert, die er in seinem Evangelium überliefert hat, sondern die sich auch in dem Handeln Jesu in der werdenden weltweiten Gemeinde Jesu zeigt. Denn was verherrlicht Jesus mehr als die Tatsache, dass er wie ein Lamm am Kreuz starb, von allen, auch von seinen Jüngern verlassen, ohne ein Testament, ohne ein geschriebenes Buch. Aber er vertraute seinem Vater, dem Herrn der Geschichte. Er wusste, dass der Tag kommen würde, an dem er seinen Bruder Jakobus in seinen Dienst stellen würde, an dem er einen Paulus berufen würde. Er brauchte nicht hetzen, noch schnell vor seinem Tode dieses und jenes zu regeln. Er wusste, dass sein Vater zu seiner Zeit handeln würde. Aus menschlicher Perspektive elend gescheitert, zeigt sich uns Jesu als der wahre Gott, der den Willen seines Vaters, von dem er ausgegangen ist und zu dem er zurückkehrt, tut, nicht mehr und nicht weniger.

11.3 Der Bericht des Flavius Josephus über den Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn

Porcius Festus ist im Jahr 60 gestorben. Daher musste in Rom ein neuer Statthalter durch den Kaiser Nero bestellt werden. Lucceius Albinus wurde ernannt und war zu der Zeit in Alexandria. Er musste sich erst auf den Weg nach Cäsarea machen, ehe er sein Amt antreten konnte. Dies dauerte eine gewisse Zeit. Diese Zeit nutzte der Hohepriester Ananus ben Ananus. Der Hohe Rat durfte keine Todesurteile verhängen, dies war dem Statthalter vorbehalten. Nun war der Statthalter aber noch nicht in Cäsarea und deshalb meinte Ananus ben Ananus, er könne jetzt sebstherrlich handeln. Flavius Josephus berichtet darüber (Jüdische Altertümer XX 9.1 (dt) oder XX 9.1 (gr))

Flavius Josephus „Jüdische Altertümer”
Zwanzigstes Buch - Neuntes Kapitel
Albinus wird Landpfleger, Steinigung des Jakobus und weitere Ereignisse unter Albinus

1. Bald darauf gelangte die Nachricht vom Tode des Porcius Festus nach Rom, und nun schickte der Caesar den Albinus als Landpfleger nach Judaea (63 n.Chr.). Der König aber entsetzte den Joseph (Kabi) wieder des Hohepriesteramtes und übertrug dasselbe dem Sohne des Ananus(Hannas), der gleichfalls Ananus hieß. Dieser ältere Ananus(Hannas) soll einer der glücklichsten Menschen gewesen sein. Er hatte nämlich fünf Söhne, die alle dem Herrn als Hohepriester dienten, nachdem er auch selbst diese Würde lange Zeit hindurch bekleidet hatte, und so etwas war noch bei keinem unserer Hohenpriester der Fall gewesen. Der jüngere Ananus jedoch, dessen Ernennung zum Hohepriester ich soeben erwähnt habe, war von heftiger und verwegener Gemütsart und gehörte zur Sekte der Sadduzäer, die, wie schon früher bemerkt, im Gerichte härter und liebloser sind als alle anderen Juden. Zur Befriedigung dieser seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus auch jetzt, da Porcius Festus gestorben, Albinus aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben.

Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor dasselbe den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen liess. Das aber erbitterte auch die eifrigsten Beobachter des Gesetzes, und sie schickten deshalb insgeheim Abgeordnete an den König mit der Bitte, den Ananus schriftlich aufzufordern, dass er für die Folge sich ein ähnliches Unterfangen nicht mehr beifallen lasse, wie er auch jetzt durchaus im Unrecht gewesen sei. Einige von ihnen gingen sogar dem Albinus, der von Alexandria kam, entgegen und stellten ihm vor, dass Ananus ohne seine Genehmigung den Hohen Rat gar nicht zum Gericht habe berufen dürfen. Diesen Ausführungen pflichtete Albinus bei und schrieb im höchsten Zorne an Ananus einen Brief, worin er ihm die gebührende Strafe androhte. Agrippa aber entsetzte ihn infolge dieses Vorfalls schon nach dreimonatlicher Amtsführung seiner Würde und ernannte Jesus, den Sohn des Damnaeus, zum Hohepriester.

Mit der Person des Ananus ben Ananus werden wir uns am Ende dieses Abschnittes noch weiter befassen. Zunächst einmal macht dieser Text deutlich, wie sehr die Entwicklung des Christentums an der Existenz einer römischen Ordnungsmacht hing. Joseph Kaiphas hat es noch geschafft, die Hinrichtung Jesu im Verein mit seinem Freund Pontius Pilatus zu erwirken. Ananus ben Ananus hatte diese Hoffnung nicht, der Prozess gegen Paulus war ihm ein deutliches Zeichen, welche Grenzen ihre Macht im römischen Weltreich hat. Also nutzte er die Vakanz auf dem Richterstuhl des Statthalters dafür aus, sich des Jakobus, des Bruders des Herrn, zu entledigen. Flavius Josephus beschreibt dies wie einen administrativen Vorgang: Der Hohe Rat fällt ein Urteil und es wird vollstreckt. Er erwähnt nur, dass Ananus ben Ananus unrechtmäßig handelte, weil er das Todesurteil ohne den römischen Statthalter fällte. Eusebius von Caesarea dagegen zitiert Hegesippus, um zu verdeutlichen, dass die Hinrichtung des Jakobus in eine Zeit fiel, in der sich mehr und mehr Juden zu Jesus als dem Messias bekannten. Er zeigt auch, welche guten Ruf Jakobus, der Bruder des Herrn, in Jerusalem hatte. Deswegen soll die Darstellung des Eusebius von Caesarea ebenso ausführlich dargestellt werden.

11.4 Eusebius ausführlicher Bericht über den Tod des Jakobus

Uns liegt noch ein deutlich ausführlicherer Bericht über den Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn, vor, den uns Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte überliefert hat. Dabei stützt sich Eusebius von Caesarea auf Hegesippus, dessen Kirchengeschichte leider verloren gegangen ist. Eusebius von Caesarea erwähnt auch Clemens von Alexandria und zitiert aus dessen Hypotyposen, die ebenfalls verlorengegangen sind.

Der Text des Eusebius von Caesarea über den Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn,: Bibliothek der Kirchenväter
Eusebius von Caesarea- Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
II 23 Der Martertod des Jakobus.

Da Paulus an den Kaiser appelliert hatte und von Porcius Festus nach Rom geschickt worden war, sahen sich die Juden um das Ziel, das sie durch ihr Vorgehen gegen Paulus zu erreichen hofften, betrogen. Sie wandten sich daher gegen Jakobus, den Bruder des Herrn, welchem von den Aposteln der bischöfliche Stuhl in Jerusalem zugewiesen worden war. Sie gingen also gegen ihn vor. Sie zitierten ihn und verlangten von ihm, daß er vor dem ganzen Volke den Glauben an Christus abschwöre. Als nun aber Jakobus wider aller Erwarten offen und frei vor der ganzen Menge, wie man es nicht vermutet hatte, bekannte, Jesus, unser Erlöser und Herr, sei der Sohn Gottes, da vermochten sie das Zeugnis dieses Mannes nicht mehr zu ertragen, zumal er überall wegen der Strenge seiner sittlichen und religiösen Auffassung als der gerechteste Mann galt, und sie töteten ihn. Anlaß zu diesem Vorgehen gab ihnen das Fehlen einer höheren Instanz. Da nämlich Porcius Festus(Prokurator von 60—62) damals in Judäa gestorben war, war das Land ohne Regierung und Verwaltung. Der oben angeführte Bericht des Clemens (von Alexandria) (Zitat s.u.), Jakobus sei von der Zinne des Tempels herabgestürzt und mit einem Stück Holz erschlagen worden, hatte uns bereits Aufschluß über die Art seines Todes gegeben. Am genauesten berichtet über ihn Hegesippus, einer der ersten Nachfolger der Apostel. Er erzählt im zweiten Buche seiner „Erinnerungen” (Dieses Buch ist verloren gegangen):

„Die Kirche wurde übernommen von den Aposteln und Jakobus, dem Bruder des Herrn, der von den Zeiten des Herrn an bis auf unsere Tage allgemein der Gerechte genannt wurde; denn es gab noch viele, die den Namen Jakobus führten. Schon vom Mutterleibe an war er heilig. Wein und geistige Getränke nahm er nicht zu sich, auch aß er kein Fleisch. Eine Schere berührte nie sein Haupt, noch salbte er sich mit Öl oder nahm Bad. Jakobus allein war es gestattet, das Heiligtum zu betreten; denn er trug kein wollenes, sondern ein leinenes Gewand. Allein pflegte er in den Tempel zu gehen und man fand ihn auf den Knien liegend und für das Volk um Verzeihung flehend. Seine Knie wurden hart wie die eines Kameles, da er ständig auf den Knien lag, um zu Gott zu beten und ihn um Verzeihung für sein Volk zu bitten. Wegen seiner hervorragenden Gerechtigkeit wurde er der Gerechte genannt; er war ein Oblias, was im Griechischen περιοχὴ τοῦ λαοῦ (Stütze und Halt des Volkes) heißt, und war die Gerechtigkeit, von welcher die Propheten sprechen (vgl. etwa Jesaja 56,1 *: So spricht der HERR: Beobachtet das Recht und übet Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, um herbeizukommen, und meine Gerechtigkeit, um offenbart zu werden.). Einige von den sieben weiter oben (in den ‚Erinnerungen’) erwähnten Sekten (Essäer, Galiläer Hemerobaptisten, Masbotheer, Samariter, Sadduzäer, Pharisäer, Eusebius von Caesarea erwähnt sie in seiner Kirchengeschichte Buch IV Kap 22) fragten ihn: ‚Welches ist die Türe Jesu ?’ Er antwortete: ‚ Jesus ist der Erlöser.’ Einige von ihnen wurden für den Glauben, daß Jesus der Messias ist, gewonnen. Die erwähnten Sekten glaubten aber weder an die Auferstehung noch an die Vergeltung. Diejenigen von ihnen, welche den Glauben annahmen, verdankten ihn dem Jakobus. Da nun auch von den Führern (des Volkes) viele glaubten, entstand ein Aufruhr unter den Juden, den Schriftgelehrten und Pharisäern, welche erklärten, das ganze Volk laufe Gefahr, Jesus als den Messias zu erwarten. Sie gingen daher zu Jakobus und sagten zu ihm: ‚Wir bitten dich, dem Volke Einhalt zu gebieten; denn es ließ sich von Jesus verführen, da es ihn für den Messias hält. Wir bitten dich: Kläre alle, die zum Osterfeste gekommen sind, über Jesus auf! Dir schenken wir alle Vertrauen. Denn wir und das ganze Volk geben dir das Zeugnis, daß du gerecht und unparteiisch bist. Rede daher dem Volke zu, daß es sich nicht bezüglich der Person Jesu irreführen lasse! Denn das ganze Volk und wir alle schenken dir Vertrauen. Stelle dich auf die Zinne des Tempels, damit du dort oben gesehen und deine Worte vom ganzen Volke leicht verstanden werden! Denn wegen des Osterfestes sind alle Stämme mit den Heiden versammelt.’ Die erwähnten Schriftgelehrten und Pharisäer führten nun Jakobus auf die Zinne des Tempels und riefen ihm zu: ‚Gerechter, dem wir alle folgen wollen! Da das Volk sich von Jesus, dem Gekreuzigten, irreführen läßt, so tue uns kund, wer die Türe Jesu ist!’ Er antwortete mit lauter Stimme: ‚Was fragt ihr mich über den Sohn des Menschen? Er thront im Himmel zur Rechten der großen Kraft und wird kommen auf den Wolken des Himmels:’ Als auf dieses Zeugnis des Jakobus hin viele voll Begeisterung in Lobpreisungen ausbrachen und riefen: ‚Hosanna dem Sohne Davids!’ — da sprachen die gleichen Schriftgelehrten und Pharisäer zueinander: ‚Wir haben ungeschickt gehandelt, da wir Jesus solches Zeugnis verursachten. Doch lasset uns hinaufsteigen und ihn hinabstürzen, damit sie aus Angst nicht an ihn glauben!’ Da sie schrien: ‚Oh, oh, auch der Gerechte hat sich irreführen lassen!’ erfüllten sie die bei Isaias geschriebenen Worte: ‚Lasset uns den Gerechten aus dem Wege räumen; denn er ist uns lästig! Sie werden nunmehr die Früchte ihrer Werke genießen.’ (Jesaja 57,1 *: Der Gerechte kommt um, und kein Mensch nimmt es zu Herzen; und begnadigte Männer werden hinweggerafft, ohne daß jemand bemerkt, daß der Gerechte vor dem Unglück weggerafft wird.) Sie stiegen nun hinauf und warfen den Gerechten hinunter. Und sie schrien zueinander: ‚Lasset uns Jakobus, den Gerechten, steinigen!’ Und sie begannen, ihn zu steinigen; denn trotzdem er hinabgestürzt worden war, war er noch nicht tot. Vielmehr richtete er sich auf und betete auf den Knien: ‚Ich bitte dich, Herr, Gott und Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!’ Während sie ihn noch steinigten, rief ein Priester aus der Familie Rechab, des Nachkommen der Rechabim, welche der Prophet Jeremia(Jeremia 35 *) erwähnt: ‚Haltet ein! Was tut ihr? Der Gerechte betet für euch!’ Da nahm einer aus ihnen, ein Walker, das Holz, womit er die Kleider preßte, und schlug es auf den Kopf des Gerechten. So starb er des Martertodes. Man begrub ihn an derselben Stelle in der Nähe des Tempels. Jakobus war für Juden und Heiden ein glaubwürdiger Zeuge der Messianität Jesu. Bald darauf erfolgte die Belagerung durch Vespasian.“


In diesen ausführlichen Berichte stimmt Hegesippus mit Clemens (von Alexandria) überein.
Jakobus war so bewundert und allgemein wegen seiner Gerechtigkeit so gefeiert, daß selbst die Juden, soweit sie noch klar dachten, glaubten, das erwähnte Vorgehen gegen ihn sei die Ursache der bald auf seinen Martertod erfolgten Belagerung von Jerusalem gewesen; nur in dem blutigen Frevel, den sie an ihm begangen hatten, sahen sie den Anlaß ihres Schicksals. Auf jeden Fall trug Flavius Josephus kein Bedenken, in seinen Schriften diesen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Er schrieb: „Dieses Schicksal widerfuhr den Juden als Rache für Jakobus, den Gerechten, den Bruder Jesu, des sog, Christus; denn obwohl er der Gerechteste war, hatten ihn die Juden getötet.“ [Hinweis: Dieses Zitat fehlt in dem uns überlieferten Text des Flavius Josephus] Derselbe Geschichtschreiber erzählt auch von dem Tode des Jakobus im zwanzigsten Buche seiner „Altertümer”. Er berichtet: „Als der Kaiser von dem Tode des Porcius Festus erfahren hatte, entsandte er den Albinus als Prokurator nach Judäa. Der jüngere Ananus, der, wie gesagt, die hohepriesterliche Würde erhalten hatte, war ein außerordentlich stürmischer Draufgänger; er gehörte der Sekte der Sadduzäer an, welche, wie wir schon gezeigt haben, als Richter grausamer waren als alle anderen Juden. Dieser Ananus nun glaubte, da Porcius Festus gestorben und Albinus erst noch auf der Reise war, die Lage sei für ihn günstig, weshalb er den Hohen Rat einberief und den Bruder Jesu, des sog. Christus, der Jakobus hieß, und noch einige andere Männer vorführen ließ, sie der Gesetzesübertretung beschuldigte und zur Steinigung auslieferte. Alle aber, die als gute Bürger und gewissenhafte Gesetzesmenschen galten, hielten sich darüber sehr auf, und sie schickten heimlich an den König mit der Bitte, er möge dem Ananus wissen lassen, so etwas dürfe nicht mehr geschehen; schon das erstemal habe er nicht recht gehandelt. Einige gingen sogar dem Albinus entgegen, der von Alexandrien her unterwegs war, und klärten ihn darüber auf, daß es dem Ananus nicht erlaubt war, ohne sein Einverständnis die Gerichtssitzung abzuhalten. Albinus schenkte den Worten Gehör, schrieb entrüstet an Ananus und drohte ihm Strafe an. König Agrippa aber entsetzte ihn deswegen seiner hohenpriesterlichen Würde, die er drei Monate bekleidet hatte, und übertrug sie Jesus, dem Sohne des Damnäus.“ Dies ist die Geschichte des Jakobus. Von Jakobus soll der erste der sog. Katholischen Briefe verfaßt sein. Doch ist zu bemerken, daß er für unecht gehalten wird. Denn nicht viele von den Alten haben ihn und den sog. Judasbrief erwähnt, der ebenfalls zu den sog. Katholischen Briefen gehört. Doch ist uns bekannt, daß auch diese beiden Briefe wie die übrigen in den meisten Kirchen öffentlich verlesen worden sind.

Soweit das 23. Kapitel des zweiten Buches der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea aus der Bibliothek der Kirchenväter.

Die Zitate stammen aus den verloren gegangenen Hypotyposen des Clemens von Alexandria. Eusebius von Caesarea zitiert daraus in seiner Kirchengeschichte II 1:

Clemens von Alexandria schreibt im sechsten Buche der Hypotyposen:
Petrus, Jakobus und Johannes sollen nach der Himmelfahrt des Heilands, weil sie schon vom Heiland mit Ehren ausgezeichnet worden waren, nicht nach Ehren getrachtet haben; er (der Heiland) habe sich vielmehr Jakobus den Gerechten zum Bischof von Jerusalem erwählt.“
Im siebten Buche des gleichen Werkes erklärt er auch noch über ihn:
„Der Herr gab nach seiner Himmelfahrt Jakobus dem Gerechten, Johannes und Petrus die Gnosis, welche diese den übrigen Aposteln, die übrigen Apostel den Siebzig, unter denen auch Barnabas war, weitergaben. Es gab aber zwei Männer mit Namen Jakobus. Der eine war Jakobus der Gerechte (d.i. Jakobus, der Bruder des Herrn); dieser wurde von der Zinne des Tempels herabgestürzt und von einem Walker mit einem Stück Holz totgeschlagen. Der andere wurde enthauptet. (d.i. der Apostel Jakobus, Sohn des Zebedäus)“

Soweit zur Ergänzung das oben erwähnte Zitat des Eusebius von Caesarea. Eusebius von Caesarea sieht also in der Darstellung des Flavius Josephus und der des Hegesippus keinen Widerspruch sondern eine Ergänzung. Er stellt sie nebeneinander, ohne ihre Unterschiede zu kommentieren. Daher können wir es wohl so interpretieren, dass der Beschluss, Jakobus, den Bruder des Herrn, zu töten, eine Entscheidung des Hohen Rates auf Veranlassung des Hohenpriesters Ananus ben Ananus war. Es wurde ihm aber die Möglichkeit eingeräumt, sich dadurch zu retten, dass er in der für die Pharisäer bedrohlichen Situation die Menge beruhigt. Da Jakobus, der Bruder des Herrn, ein Mann war, der ernsthaft am jüdischen Gesetz festhielt, glaubte man auch, dass Jakobus sich um des Gesetzes willen darauf einließ. Jakobus, der Bruder des Herrn, hat sich aber klar zu Jesus bekannt, und es erfolgte diese brutale Vernichtung dieses Mannes. Damit war der Ansatz des Jakobus noch nicht gescheitert, wie man aus der Tatsache ablesen kann, dass sich viele Juden über den Hohenpriester Ananus ben Ananus bei Lucceius Albinus beschwerten und er seines Amtes enthoben wurde. Aber das tägliche Gebet des Jakobus, des Bruders des Herrn, für Jerusalem war verstummt und die Dinge nahmen ihren Lauf. Die Daten beider Berichte machen deutlich, dass Jakobus Ende des Jahres 62 n.Chr. den Märtyrertod gestorben ist. Und die weitere Geschichte erweist, dass nach meiner Kenntnis das messianische Judentum erst in der Neuzeit neu an Bedeutung gewann. Allerdings werden die vielen Juden, die sich in der Zeit der Apostel und danach zu Jesus bekehrt haben, uns als solche gar nicht mehr bekannt sein, weil sie wegen der starken Trennung der Synagoge von den Christen als Juden gar nicht mehr in Erscheinung getreten sind und als solche auch nicht mehr gezählt wurden.

Einige interpretieren die Aussage des Hegesippus aber so, dass sie die Belagerung Jerusalems unmittelbar im Anschluss an den Mord an Jakobus, Bruder des Herrn sehen. Dann müsste Jakobus, Bruder des Herrn im Jahr 68 ermordet worden sein. Allerdings tobte der judäische Krieg bereits seit dem Jahr 66 und Ananus ben Ananus war in der Zeit Oberbefehlshaber in Jerusalem, die christliche Gemeinde hatte Jerusalem bereits verlassen. Zwar kann man nicht ausschließen, dass Jakobus, Bruder des Herrn als einziger oder mit wenigen Brüdern zurückgeblieben ist, muss dann aber die Darstellung vo Flavius Josephus für völlig falsch halten.

Bleiben wir also bei der naheliegenden Annahme, dass Flavius Josephus hier korrekt berichtet hat und Hegesippus uns weitere Einzelheiten überliefert hat. Man könnte beide Texte so zusammenfassen:

Ananus ben Ananus hat im Hohen Rat ein Todesurteil gegen Jakobus, Bruder des Herrn erwirkt. Die Pharisäer waren in solchen Fällen immer die Bedenkenträger und prüften sehr sorgfältig, ob dies nicht eine Sünde sein könnte. Also haben sie mit den Sadduzäern, die im Zweifelsfall immer für Härte eintraten, einen Kompromiss vereinbart. Wenn Jakobus, Bruder des Herrn öffentlich für die jüdische Sache eintritt, so soll Jakobus, Bruder des Herrn freigesprochen werden. Die Pharisäer hatten Angst: „Da nun auch von den Führern (des Volkes) viele glaubten, entstand ein Aufruhr unter den Juden, den Schriftgelehrten und Pharisäern, welche erklärten, das ganze Volk laufe Gefahr, Jesus als den Messias zu erwarten.“ Deshalb die Bitte an ihn und die Hoffnung, Jakobus, der Bruder des Herrn, könne ihnen helfen. Am Ende stand der brutale Mord an Jakobus.

11.5 Der Dienst des Jakobus

Dieses Ansinnen zeigt auch, wie verdeckt Jakobus, der Bruder des Herrn, seinen Glauben an Jesus Christus gelebt hat. Man vertraute ihm als jemanden, der das jüdische Gesetz ernst nahm. Dies passt mit den Vorwürfen zusammen, die man häufig gegen den Jakobusbrief erhebt: Man merkt kaum, dass er ein christlicher Brief ist. Er ist in der Tat kein paulinischer Brief. Er beschreibt das Verhalten, dass Jakobus, der Bruder des Herrn, von seinen jüdischen Brüdern erwartet, wenn sie Christus nachfolgen. Er beschreibt messianisches Judentum. Sie bleiben Juden, aber sie glauben, dass Jesus der verheißene Messias ist. Jakobus, der Bruder des Herrn, weist damit den Weg für sein Volk. Er steht nicht im Gegensatz zu Paulus, er spricht nicht von den Heiden, er spricht von den Juden. Das einzige „Problem“, das Jakobus mit Paulus hat, ist die Freiheit, die Paulus für sich persönlich in Anspruch nahm und über die Paulus in Antiochia auch mit Simon Petrus in Streit geraten war: Galater 2  * Deswegen lässt er auch Paulus, als er zu seinem letzten Besuch in Jerusalem ist, auffordern: So tue nun das, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben; diese nimm zu dir, laß dich reinigen mit ihnen und trage die Kosten für sie, daß sie das Haupt scheren, so werden alle erkennen, daß an dem, was über dich berichtet worden, nichts ist, sondern daß auch du dich der Beobachtung des Gesetzes befleißigst. (Apostelgeschichte 21,23-24 *) Paulus hat sich dieser Forderung gestellt, er ist den Brüdern in Jerusalem gehorsam gewesen. Leider hatte es nicht die gewünschte Wirkung, wie die Apostelgeschichte im weiteren Verlauf berichtet. Es zeigt aber das Anliegen des Jakobus und es zeigt, dass Paulus dieses Anliegen akzeptiert. Damit zeigt es aber auch, wie unser Umgang mit dem Volk Gottes heute zu sein hat: Das Leben unter dem Gesetz ist ihnen nicht vorzuwerfen, allerdings wird es sie nicht retten. Erst die Erlösungstat Jesu rettet Juden wie Heiden.

Auch Paulus macht im Römerbrief sehr deutlich, dass wir keinen Grund haben, uns über das Volk Gottes zu erheben. Römer 11 * Es ist bedauerlich, dass viele Theologen hier einen Gegensatz zwischen Jakobus und Paulus aufbauen, statt zu erkennen, dass diese beiden Männer Wege gegangen sind, um den Juden wie den Heiden den Namen Jesu zu verkündigen und dass diese Wegweisung bis heute gilt. Wir finden in der Bibel keinen Streit zwischen Paulus und Jakobus, dem Bruder des Herrn, wir finden aber immer wieder die unterschiedliche Zielsetzung, die beide akzeptierten. Unbenommen bleibt, dass auf unterer Ebene durchaus Streit herrschte, wie an den Boten des Jakobus deutlich wird, deren Auftreten selbst &/pe zur Heuchelei verführt: Bevor nämlich etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. (Galater 2,12   *) Dabei ist das Gesetz für das Volk Gottes nicht der Grund seiner Errettung, der Preis, mit dem sie sich ihre Erlösung erkaufen, dies macht Paulus in Galater 2,15-21  * sehr deutlich. Stattdessen ist für sie das Gesetz das, was Psalmen 119  * beschreibt: Siehe, ich sehne mich nach deinen Befehlen; erquicke mich durch deine Gerechtigkeit! Deine Gnade, o HERR, komme über mich, dein Heil nach deinem Wort! Damit ich dem antworten kann, der mich schmäht; denn ich verlasse mich auf dein Wort. Und entziehe nicht allzusehr meinem Munde das Wort der Wahrheit; denn ich harre auf deine Verordnungen! Und ich will dein Gesetz stets bewahren, immer und ewiglich. Und ich möchte auf weitem Raum wandeln; denn ich habe deine Befehle erforscht. Und ich will von deinen Zeugnissen reden vor Königen und mich nicht schämen. Und ich will mich an deinen Befehlen vergnügen; denn ich liebe sie. Und ich will meine Hände nach deinen Befehlen ausstrecken, weil ich sie liebe, und will nachdenken über deine Satzungen. Gedenke des Wortes an deinen Knecht, auf welches du mich hoffen ließest! Das ist mein Trost in meinem Elend, daß dein Wort mich erquickt. (Psalmen 119,40-50  *) Über die Gebote Gottes nachzudenken, Wegweisung von ihm zu erbitten, dass ist für jeden Menschen eine Wohltat. Schauen wir mit diesem Blick auf das Alte Testament, so hat es uns viel Gutes zu sagen. Suchen wir aber das Heil von Gott ohne Christus, so werden wir scheitern. Wie Jesus Christus mit seinem Volk verfährt, wenn er einmal wiederkommt, das ist ganz allein seine Sache. Beim Apostelkonzil darf Simon Petrus auch von Jakobus unwidersprochen sagen: Was versuchet ihr nun Gott, indem ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger leget, welches weder unsre Väter noch wir zu tragen vermochten? Denn durch die Gnade des Herrn Jesus Christus glauben wir gerettet zu werden, auf gleiche Weise wie jene. (Apostelgeschichte 15,10-11 *) Es war Simon Petrus, der dies sagte, nicht Paulus. „Da schwieg die ganze Menge“ heißt es, niemand widersprach, auch Jakobus, der Bruder des Herrn, nicht. Bis heute gilt dieses Wort der Weisheit, das Simon Petrus dort gesprochen hat.

Vergleiche hierzu auch den Text über Jakobus, den Bruder des Herrn in Jakobus Tod

11.6 Zeitenwende zum Krieg

Der Hohepriester Ananias ben Nebebaios hatte von 47 bis 59 residiert und u.a. den Prozess gegen Paulus geführt. Er entstammte keiner der Familien, die in der Zeit seit Herodes dem Großen die Hohepriesterwürde getragen haben, hatte sich aber relativ lange im Amt gehalten und blieb auch danach noch sehr aktiv. Er hatte wirtschaftlichen Erfolg und wusste sich durch Geschenke, im Klartext durch Bestechung, viele Freunde zu machen. Allerdings war er aus Sicht der konservativen Vertreter des Judentums gescheitert, weil er es nicht geschafft hatte, Paulus hinrichten zu lassen und damit einen der aktivsten Vertreter der wachsenden „Sekte“ der Christen mundtot zu machen. Die Verärgerung der jüdischen Repräsentanten darüber wird von Eusebius von Caesarea ausdrücklich erwähnt (s. 11.4 Eusebius ausführlicher Bericht über den Tod des Jakobus). Ihm folgten in den Jahren 59-61 Ismael ben Phiabi, der Jüngere, und 61-62 Joseph Kabi ben Simon die Flavius Josephus nur kurze Bemerkungen im Buch über den jüdischen Krieg wert sind: Er schreibt über einige Flüchtlinge aus dem belagerten Jerusalem: «Viele Vornehme jedoch wurden durch seine Rede gerührt, und während einige von ihnen, obwohl sie nun ihr eigenes Verderben wie das der Stadt vor Augen sahen, an Ort und Stelle blieben, erspähten andere eine günstige Gelegenheit zu gefahrloser Flucht und gingen zu den Römern über. Unter den letzteren befanden sich die Hohepriester Josephus und Jesus, deren Väter gleichfalls diesem Stande angehörten, ferner drei Söhne eines gewissen Ismael, der zu Kyrene enthauptet worden war, vier Söhne von Matthias und ein Sohn jenes anderen Matthias, der, nachdem sein Vater und seine drei Brüder von Simon, dem Sohne des Gioras, ermordet worden waren, allein, wie oben erzählt, mit dem Leben davongekommen war. Zugleich mit den Hohepriestern flohen auch noch viele andere Vornehme zu den Römern.» (Geschichte des jüdischen Krieges VI 2.2 (dt) oder VI 2.2 (gr))

Er schreibt nichts über die Taten der beiden Hohenpriester, auch erwähnt er nicht, warum Ismael zu Kyrene enthauptet worden war. Es ist auch nicht sicher, dass es sich bei diesem Ismael wirklich um den Hohenpriester Ismael ben Phiabi, der Jündere, handelt. Dagegen berichtet er ausführlich über Ananus ben Ananus, der danach das Amt des Hohenpriesters nur für drei Monate inne hatte, im judischen Krieg danach aber zunächst eine führende Rolle spielte. Da Flavius Josephus seine Verantwortung für Galiläa vermutlich im gleichen Zusammenhang erhielt, als Ananus ben Ananus den Oberbefehl in Jerusalem erhielt, kann man davon ausgehen, dass beide sich kannten und, wenn man den Nachruf in Betracht zieht, den Flavius Josephus später über Ananus ben Ananus verfasst, wohl auch schätzten (Geschichte des jüdischen Krieges IV 5.2 (dt) oder IV 5.2 (gr)).

Ananus ben Ananus entstammte dem Haus des Hannas, des Schwiegervaters des Joseph Kaiphas, der am Prozess gegen Jesus beteiligt war. Die Familie war also mit der Geschichte der Christenheit aufs Engste verknüpft. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Sohn aus einer solchen Familie nun sehr motiviert ist, zu zeigen, wie man den alten jüdischen Glauben verteidigt. Er hat deshalb wohl eher auf kurzfristige Erfolge und nicht auf eine lange Amtszeit gesetzt. So war er sicherlich nicht davon überrascht, dass er als Hoherpriester entlassen wurde, nachdem er im Hohen Rat Todesurteile hatte fällen lassen und die Hinrichtung hatte vollziehen lassen. Er sah hier eine günstige Gelegenheit, einmal durchgreifen zu können und nicht taktieren zu müssen. Das war ihm wichtiger als das Amt des Hohenpriesters. Er hat sich damit vor den rechtgläubigen Juden profiliert.

Die chaotischen Zustände in Judäa wird Flavius Josephus nicht müde zu beschreiben. Im Anschluss an den Bericht über den Tod des Jakobus, des Bruders des Herrn, berichtet er über die Zustände, die Lucceius Albinus, der Nachfolger des verstorbenen Porcius Festus, in Judäa vorfand.

2. Als nun Albinus in Jerusalem angelangt war, gab er sich alle erdenkliche Mühe, das Land zu beruhigen und geordnete Zustände in demselben zu schaffen, indem er eine große Menge Sikarier niedermachen ließ. Der (frühere) Hohepriester Ananias aber stieg mit jedem Tage im Ansehen des Volkes und wurde stets mehr und mehr ausgezeichnet und geehrt. Er verstand es nämlich sehr gut, Geldgeschäfte zu machen, und wusste durch Geschenke sowohl den Landpfleger Albinus, als auch den Hohenpriester für sich einzunehmen. Dabei aber hatte er nichtswürdige Knechte, die sich mit den verwegensten Menschen ins Einvernehmen setzten, um von den Tennen die den Priestern gehörigen Zehnten zu rauben, und wer ihnen Widerstand zu leisten wagte, wurde mit Schlägen misshandelt. Die Hohenpriester machten es ebenso, wie Ananias' Knechte, und da niemand sich ihnen widersetzen mochte, konnte es nicht ausbleiben, dass die Priester, die sich sonst von den Zehnten ernährten, aus Mangel zu Grunde gingen.

3. Bei einem Feste nun, das um diese Zeit gefeiert wurde, kamen auch die Sikarier wieder zur Nachtzeit in die Stadt, ergriffen den Schreiber des Tempelvorstehers Eleazar, der des Hohepriesters Ananias Sohn war, und führten ihn gebunden von dannen. Alsdann schickten sie einen Boten zu Ananias und versprachen, ihm den Schreiber zurückzuschicken, wenn er den Landpfleger veranlasse, zehn ihrer Genossen, die dieser gefangen hielt, freizugeben. Ananias, der keinen anderen Ausweg wusste, verwendete sich bei Albinus, und es gelang ihm, sein Gesuch bewilligt zu erhalten. Indes war das nur der Anfang von noch grösserem Übel. Denn die Banditen suchten jetzt auf alle mögliche Weise irgend einen von Ananias' Angehörigen oder Freunden in ihre Gewalt zu bekommen und hielten ihre Opfer jedesmal so lange gefangen, bis einige ihrer Genossen freigegeben wurden. So wuchs ihre Zahl wieder an, und mit noch grösserer Dreistigkeit als bisher verwüsteten sie das ganze Land.

Das, was im Abschitt 2 über Ananias gesagt wurde, schrieb Flavius Josephus bereits vorher über Ismael ben Phiabi, den Jüngeren. Man kann also davon ausgehen, dass dies mehr und mehr zur Gewohnheit unter den Hohenpriestern wurde. Man erkennt, wie schrecklich sich die Worte Jesu über Jerusalem bewahrheit.

Die hier angefügten Abschnitte 2 und 3 machen noch einmal die Verhältnisse deutlich, die zu dieser Zeit, ca. im Jahr 62 und danach herrschten. Man sieht, dass der Terror der heutigen Zeit zutiefst menschlich ist und schon im Judäa der Zeit vor dem jüdischen Krieg anzutreffen war. Verschärfend kam hier hinzu, dass das römische System sehr korrupt war. Die Statthalter sind in ihren Provinzen reich geworden, nicht, weil sie von Rom so gut bezahlt wurden, sondern weil sie die Provinzen ausgepresst haben. Viele Handlungen der führenden Persönlichkeiten werden erst vor diesem Hintergrund verständlich. So haben die früheren Statthalter noch sehr viel Rücksicht auf jüdische Befindlichkeiten genommen. Aber zunehmend machte sich bei der römischen Elite das Gefühl breit, man könne der jüdischen Befindlichkeit gar nicht gerecht werden und müsse ihr deshalb mit Härte begegnen. Dieser Weg war auch deshalb verlockend, weil Judäa eine reiche Provinz war, aus der den Statthaltern viele Einnahmen, als Tribut oder auch als Bestechungsgelder, zuflossen. Weil man diese Verhältnisse zum Verständnis der Zeit unbedingt kennen muss, werden sie hier so ausführlich dargestellt und wurden sie auch schon in den 10.10 Die Zeit des Hohenpriesters Ananias erwähnt.

Einen schönen Einblick in den römischen Umgang mit Korruption gibt ein Text, den Flavius Josephus in seinem Buch Jüdische Altertümer XVIII 6.5 (dt) oder XVIII 6.5 (gr) überliefert:

5. Als nun Agrippa mit Gajus immer vertrauter wurde und eines Tages mit ihm im Wagen ausfuhr, kam die Rede auf Tiberius. Da sprach Agrippa, Weil sie unter sich waren den Wunsch aus, Tiberius möge, recht bald dem des Thrones viel würdigeren Gajus Platz machen; Das hörte Agrippas Freigelassener Entychus, der den Wagen lenkte, schwieg aber einstweilen dazu. Später beschuldigte Agrippa den Eutychus, ihm ein Gewand gestohlen zu haben, was auch auf Wahrheit beruhte. Eutychus floh darauf, wurde aber ergriffen und zum Stadtpraefekten Piso geführt, der ihn um die Ursache seiner Flucht befragte. Der Gefangene entgegnete, er habe dem Caesar ein Geheimnis zu melden, welches seine Sicherheit betreffe. Der Praefekt schickte ihn nun nach Capreae, wo Tiberius ihn nach seiner Gewohnheit in Fesseln liegen liess. Der Caesar konnte überhaupt zaudern, wie kein anderer König oder Fürst. So liess er auch Gesandtschaften oft, lange warten und gab seinen Statthaltern und Landplegern nicht leicht Nachfolger, wenn sie nícht mit Tod abgingen. Daher kam es auch, dass er Gefangene oft längere Zeit im Kerker liess, ehe er sie verhörte. Als ihn eines Tages seine Freunde fragten, warum er alles von einem Tag auf den anderen schiebe, sagte er, die Gesandtschaften pflege er deshalb hinzuhalten; damit nicht bei schneller Entlassung derselben sobald wieder neue zu ihm geschickt würden und er sich so stets der Mühe unterziehen müsse, sie zu empfangen und abzufertigen. Die Befehlshaberstellen aber lasse er solchen, denen er sie einmal verliehen habe, möglichst lange, damit wenigstens eine Rücksicht sie antreibe, seine Untertanen wohlwollend zu behandeln. Denn der Sinn der meisten Menschen, die ein Amt bekleideten, neige zur Habsucht, und wenn jemand ein Amt nicht auf die Dauer, sondern nur für kurze Zeit erhalte, ohne zu wissen, wann ihm dasselbe wieder abgenommen werde, so sei seine Sucht zu plündern nur umso größer. Wenn aber jemand längere Zeit im Besitze eines Amtes bleibe, so werde er doch bald, wenn er genug zusammengescharrt habe, der Erpressungen überdrüssig und halte damit ein. Trete dagegen ein zu schneller Wechsel ein, so genüge den Beamten nicht einmal das Besitztum ihrer Untergebenen mehr, weil bei vorzeitiger Abberufung ihnen nicht so viel Zeit bleibe, dass sie, wie die Vorgänger, ihre Raubgier völlig befriedigen könnten. Hierfür gab er folgendes Beispiel an: „Ein verwundeter Mensch lag am Boden, und eine Menge Fliegen saßen in seinen Wunden. Ein Wanderer, der zufällig vorbeiging, hatte Mitleid mit ihm, und da er ihn für zu schwach hielt, um die Fliegen zu vertreiben, trat er hinzu und schickte sich an, dieselben zu verscheuchen. Der Verwundete aber bat ihn, das zu unterlassen, und als der andere ihn fragte, weshalb er denn von der Plage nicht befreit sein wolle, entgegnete er: Du machst mir noch mehr Schmerz, wenn du sie vertreibst. Denn sie sind schon gesättigt von meinem Blute und machen mir deshalb nicht mehr so viele Beschwerden als zuerst, sondern lassen schon etwas mit Quälen nach. Vertreibst du sie aber und kommen dann neue, hungrige heran, so werden sie, weil sie mich schon erschöpft antreffen, mich zu Tode aussaugen.“ Aus demselben Grunde, fuhr Tiberius fort, schicke er seinen Unterthanen, die schon durch viele Plackereien hart bedrückt seien, nicht so häufig einen Beamten nach dem anderen, von denen sie dann wie die Fliegen ausgesogen würden, besonders da zu der natürlichen Habgier der Bedränger auch noch die Furcht hinzukäme, eine so angenehme Art, sich zu bereichern, möchte ihnen schon so bald unmöglich gemacht werden. Diese Gesinnung des Tiberius ward durch seine Handlungsweise bestätigt, da er während seiner zweiundzwanzigjährigen Regierung den Juden nur zwei Landpfleger schickte, nämlich Gratus und dessen Nachfolger Pontius Pilatus. So verfuhr er aber nicht nur bei den Juden, sondern bei allen seinen Unterthanen. Auch die Gefangenen verhörte er, wie er sagte, immer deshalb erst so spät, damit sie nicht durch schnelle Hinrichtung von ihrer Haft befreit würden, was sie als Verbrecher gar nicht verdient hätten, sondern damit ihre quälende Ungewissheit während des langen Kerkeraufenthaltes noch gesteigert würde.

Diese Ausagen des Kaiser Tiberius, der im Jahr 62 schon eine Weile tot war, machen deutlich, wie Rom seine Provinzen sah. Sie machen auch verständlich, dass es für jedes Volk schwer war, unter solch einer Oberhoheit zu leben, nicht nur für die Menschen in Judäa.

Verschärfend kam in Judäa hinzu, dass auch die Statthalter zunehmend rücksichtsloser wurden. Und im Gefolge der zunehmenden Härte der römischen Statthalter erstarkte natürlich auch der Wunsch der Juden, von dieser Herrschaft frei zu sein. Dabei ist unklar, was zuerst da war, ob die Härte den Freiheitswillen oder der Freiheitswille die Härte bewirkte. Vermutlich war es so, dass beide Phänomene immer latent vorhanden waren und sich im Laufe der Zeit gegenseitig hochgeschaukelt haben.

Man darf aber auch die religiöse Dimension nicht außer Acht lassen. So wird mit Argumenten aus der Bibel begründet, dass man den Römern verwehren müsse, dass sie im Tempel Opfer für den Kaiser darbrächten, wohlgemerkt Opfer, die nach jüdischem Ritus von jüdischen Priestern dargebracht wurden. Es entsteht ein Streit über diese Anordnung, weil viele in dem Verbot eine ungerechtfertigte Brüskierung der Römer sahen. Aber es war zunächst kein politischer Streit, sondern ein Streit um den rechten Opferdienst. Sicher wurde er auf beiden Seiten auch instrumentalisiert, um einen Kriegsgrund zu finden. Aber er hatte einen religiösen Kern. Flavius Josephus hält ihn für so wichtig, dass er ihn ausführlich beschreibt (Geschichte des jüdischen Krieges II 17.2f (dt) oder II 17.2f (gr)).

An anderer Stelle wird von den Aufständischen gefordert, die Hohenpriester wieder durch das Los zu bestimmen. Hier fehlt Flavius Josephus jedes Verständnis, aber wieder geht es um das rechte Verständnis des Gesetzes Moses(Geschichte des jüdischen Krieges IV 3.7 (dt) oder IV 3.7 (gr)). Was die wahren Absichten der Aufständischen waren, können wir nicht zweifelsfrei bestimmen. Natürlich wird es auch eine Rolle gespielt haben, dass man die alte Führungsmannschaft los werden wollte, die im Zweifel doch immer pragmatisch mit den Römern kooperiert hatte. Die Argumentation war aber eine religiöse, denn das Los hatte eine Tradition in Israel: Das Land wurde durch das Los verteilt: Doch soll das Land durch das Los verteilt werden. Nach dem Namen der Stämme ihrer Väter sollen sie ihr Erbteil empfangen; (4.Mose 26,55 *). Der König Saul wurde durch das Los bestimmt: Als nun Samuel alle Stämme Israels herzutreten ließ, ward durchs Los getroffen der Stamm Benjamin. Und als er den Stamm Benjamin nach seinen Geschlechtern herzutreten ließ, ward getroffen das Geschlecht Matri, und als er das Geschlecht Matri herzutreten ließ, Mann für Mann, da ward getroffen Saul, der Sohn des Kis. Und sie suchten ihn, aber sie fanden ihn nicht. Da fragten sie den HERRN weiter: Ist der Mann schon da? Der HERR antwortete: Siehe, er hat sich beim Geräte versteckt! Da liefen sie hin und holten ihn von dort. Und als er unter das Volk trat, war er eines Hauptes höher als alles Volk. Und Samuel sprach zu dem ganzen Volk: Da seht ihr den, welchen der HERR erwählt hat, denn ihm ist keiner gleich unter dem ganzen Volk! Da jauchzte alles Volk und sprach: Es lebe der König! (1.Samuel 10,20-24 *) Eine Schuldfrage wurde durch Los entschieden: Da sprach Saul: Es sollen alle Häupter des Volkes herzutreten und erforschen und sehen, an wem heute die Schuld liegt; denn so wahr der HERR lebt, der Israel geholfen hat, wenn sie gleich an meinem Sohne Jonatan wäre, so soll er gewiß sterben! Da antwortete ihm niemand vom ganzen Volk. Und er sprach zu ganz Israel: Ihr sollt auf jene Seite treten; ich und mein Sohn Jonatan wollen auf dieser Seite sein. Das Volk sprach zu Saul: Tue, was dir gefällt! Und Saul sprach zu dem HERRN, dem Gott Israels: Tue die Wahrheit kund! Da wurden Jonatan und Saul getroffen; aber das Volk ging frei aus. Saul sprach: Werfet das Los über mich und meinen Sohn Jonatan! Da ward Jonatan getroffen. (1.Samuel 14,38-42 *)

11.7 Nachdenkliches über Rechtgläubigkeit

Diese Beispiele machen deutlich, dass die Auseinandersetzungen kein reiner Machtkampf waren, sondern auch tieferliegende Gründe hatte. Es war zumindest am Beginn des Krieges eine Koalition aus den ganz Frommen und den Machtmenschen, die eine günstige Gelegenheit sahen, durch den Umsturz an Einfluss zu gewinnen. Der ganze Vorgang zeigt aber auch, wie sehr der Hohe Rat unter der Tatsache litt, dass er aufgrund der römischen Oberhoheit nicht wirklich regieren konnte.

Andererseits macht der sich ausbreitende Fanatismus auch deutlich, wie wichtig die römische Oberhoheit für das Entstehen der christlichen Gemeinde war, weil die jüdische Gemeinde so sehr auf Gesetzestreue fixiert war, dass sie für die Botschaft Jesu Christi noch verschlossener war als zur Zeit des Joseph Kaiphas. In dieser kurzen Phase der Vakanz der Position des Statthalters sahen Ananus ben Ananus und der Hohe Rat sofort eine Möglichkeit, einmal durchzugreifen und sie taten es auch, die absehbaren Folgen nahmen sie in Kauf. Wir können davon ausgehen, dass Ananus ben Ananus nur deshalb so handeln konnte, weil er zumindest die Sadduzäer im Hohen Rat hinter sich wusste. Andererseits ist dies verwunderlich, weil es bisher die Sadduzäer waren, die den Pragmatismus gegenüber der Besatzungsmacht getragen haben. Wie Ananus ben Ananus zeigt, bröckelte diese Mehrheit der Pragmatiker. Jakobus, der Bruder des Herrn, war das Opfer und vermutlich war es auch der Kampf gegen die «Sekte» der Christen, der diese Mehrheit zu Stande gebracht hat, weniger die Bereitschaft, mit den Römern in Konfrontation zu gehen. Dies war aber nun eine Folge, die den weiteren Verlauf dominieren würde. Man kann sich leicht ausmalen, was mit Paulus geschehen wäre, wenn er zu der Zeit noch im Einflussbereich des Hohen Rates gewesen wäre.

Allerdings müssen wir alle diese Vorgänge unter dem Aspekt sehen, dass dieses Suchen nach der rechten Gesetzestreue ohne Gott erfolgte. Denn den Gott, der ihnen im Gesetz Moses begegnet, Jesus Christus, haben sie verworfen und gekreuzigt. So halten sie am Wort fest, ohne den zu sehen, von dem dieses Wort ausgeht. Und so laufen sie ohne Gott in ihr Unheil. Wir sehen hier die Grenzen der Rechtgläubigkeit. Rechtgläubigkeit ist wichtig, wenn es denn heißt, «das Rechte glauben». Aber wenn Rechtgläubigkeit dazu führt, dass das Wort Gottes gegen Gott selber eingesetzt wird, wenn wir versuchen, Gott selber mit unserem Bibelverständnis zu belehren, dann führt sie sich selbst ad absurdum. Wenn man dies so formuliert, dann wird jeder zustimmen, auch Joseph Kaiphas wird das so sehen. Aber im praktischen Alltag sieht es doch ganz anders aus. Der Hohe Rat hat sich nicht zu einer Gebetsgemeinschaft zusammengefunden, um herauszufinden, ob Jesus Christus Gottes Sohn ist. Der Hohe Rat hatte von seinem Schriftverständnis her eine schnelle Antwort: Etliche aber von ihnen wollten ihn greifen, doch legte niemand Hand an ihn. Nun kamen die Diener zu den Hohenpriestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch! Da antworteten ihnen die Pharisäer: Seid auch ihr verführt worden? Glaubt auch einer von den Obersten oder von den Pharisäern an ihn? Aber dieser Pöbel, der das Gesetz nicht kennt, der ist unter dem Fluch! Da spricht zu ihnen Nikodemus, der des Nachts zu ihm gekommen und einer der Ihren war: Richtet auch unser Gesetz einen Menschen, man habe ihn denn zuvor selbst gehört und erkannt, was er tut? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Bist du auch aus Galiläa? Forsche nach, und du wirst sehen, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht! So ging jeder in sein Haus. (Johannes 7,44-53 *) Die, die Jesus gehört haben, haben in seinen Worten das Reden Gottes herausgehört und waren beeindruckt, unfähig, ihm Böses anzutun. Die Pharisäer aber hatten eine schnelle, vermeintlich biblische Antwort zur Hand und gingen damit ihrer Wege. Die Bibel ist kein Werkzeug, damit ich recht behalte, die Bibel ist das Reden Gottes zu mir. Es gibt eine ähnliche Antwort, die Nathanael dem Philippus gibt, als er ihn auf Jesus hinweist: Und Nathanael sprach zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! Jesus sah den Nathanael auf sich zukommen und spricht von ihm: Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in welchem keine Falschheit ist! Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich! Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, daß ich dich unter dem Feigenbaum sah! Du wirst Größeres sehen als das! Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf und niedersteigen auf des Menschen Sohn! (Johannes 1,46-51 *) Auch Nathanel wehrt sich mit Hilfe seines Bibelwissens gegen Jesus, aber er geht hin und sieht, er prüft, ob es sich denn so verhält, wie er meint. Und er erlebt Jesus als den Sohn Gottes und wird sein Jünger. Dies erinnert an die Juden in Beröa, von denen Lukas schreibt: Diese aber waren edler gesinnt als die zu Thessalonich, indem sie das Wort mit aller Bereitwilligkeit aufnahmen und täglich in der Schrift forschten, ob es sich also verhalte. (Apostelgeschichte 17,11 *) Den Unterschied zwischen Nathanael und den Pharisäern kann man sehr gut an der Tatsache festmachen, dass Nathanael zu Jesus geht und schaut, ob das denn stimmt, was er zu wissen meint. Und er erlebt die Gegenwart Gottes, begegnet dem Messias. Die Pharisäer dagegen gehen nach Hause, da sie schon alles wissen, brauchen sie nicht zu schauen, brauchen sie nicht selbst zu Jesus zu gehen. Die Juden in Beröa prüfen am Wort Gottes, was sie hören. Sie nutzen es nicht als Waffe, um ihre Vorurteile zu verteidigen, sie lassen das Wort reden. Das ist ein großer Unterschied. In der Kirchengeschichte hat es immer wieder solche Fälle gegeben, dass Bewegungen, die vom Heiligen Geist ausgingen, unterdrückt wurden, weil Machtmenschen mit geeigneten Bibelstellen ihre Machtpositionen verteidigten, statt das Wort Gottes reden zu lassen, statt wirklich zu prüfen. So haben wir es hier mit einem Pänomen zu tun, dass die Kirche des lebendigen Gottes zu allen Zeiten betraf und betrifft, nicht nur die jüdische Gemeinde Israels zur Zeitenwende.

11.8 Jakobus muss es nicht mehr erleben

In den vorangehenden Kapiteln wurde deutlich, wie sorgfältig Jakobus, der Bruder des Herrn, darauf geachtet hat, dass sich die Juden, die Christen geworden sind, weiter streng an das Gesetz halten. Er wollte damit in der jüdischen Gemeinde keinen Anstoss erregen und keinen Grund geben, die Christen zu verurteilen. Bereits im vorangehenden Kapitel (10.4 Paulus kommt in Jerusalem an) wird deutlich, dass diese Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der jüdischen Gemeinde nicht ausreicht. Der schnelle Mord an Jakobus, dem Bruder des Herrn, macht deutlich, wie tief der Hass sitzt, der seinen Ursprung darin hat, dass Israel seinen Messias verworfen hat und damit den Heiligen Geist Gottes. Und dieses leere Haus besetzen nun böse Geister des Hasses und alles unter dem Mantel der Gesetzestreue. Das messianische Judentum der Frühphase der christlichen Gemeinde ist damit gescheitert. Die messianischen Juden der Neuzeit sollten uns ein immerwährendes Gebetsanliegen sein.

Diese Vorgänge geschehen uns zur Warnung. Wenn eine Gemeinde sich gegen den Willen und das Handeln Gottes stellt, dann wird der Heilige Geist sie warnen. Aber er wird sie nicht mit Gewalt von ihrem falschen Weg abbringen. Er wird sich zurückziehen, ganz leise und unmerklich. Was Israel geschehen ist, dient uns dazu, die Liebe Gottes zu erkennen, die sich darin zeigt, dass er uns nicht vergewaltigt, sondern zu uns spricht und uns als freie Menschen ohne Zwang zum Glauben berufen will. Mit Israel ist er 2000 Jahre weitergegangen, aber er hat dieses Volk in dieser Zeit weiter geliebt und ihm endlich eine neue Staatlichkeit gegeben. Aber wer sich gegen das Handeln Gottes stellt, der muss wissen, welche Gefahren damit verbunden sind, wenn wir den Heiligen Geist vertreiben. Jesus beschreibt dies sehr klar und eindeutig: Wenn aber der unreine Geist vom Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er wasserlose Stätten und sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, aus welchem ich gegangen bin. Und wenn er kommt, findet er es leer, gesäubert und geschmückt. Alsdann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, die schlimmer sind als er; und sie ziehen ein und wohnen daselbst, und es wird zuletzt mit diesem Menschen ärger als zuerst. So wird es auch sein mit diesem bösen Geschlecht. (Matthäus 12,43-45 *) Wenn der Heilige Geist nicht bei einem Menschen einzieht, so werden böse Geister in das leere Haus einziehen, sei es auch noch so sehr geschmückt, und es wird mit diesen Menschen ärger als zuvor. Diesen Prozess hat Israel nach Jesu Tod durchlaufen und er hat sehr vielen von ihnen das Leben gekostet, unsäglich viele Tränen und Leid. Dies muss uns eine Warnung sein, gerade auch solchen unter uns, die Verantwortung für viele andere Christen haben.

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt: Jakobus, der Bruder des Herrn, wurde vor dem bewahrt, was auf Jerusalem zukam. Jesus hat seinen Jüngern eine klare Sicht gegeben von dem, was auf sie zukommt:

Zunächst einmal spricht er sehr klar von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels:

Matthäus 23,37-24,2 *: Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen werden; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht mehr sehen, bis ihr sprechen werdet: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Und Jesus ging hinaus und vom Tempel hinweg. Und seine Jünger traten herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. Jesus aber sprach zu ihnen: Sehet ihr nicht dieses alles? Wahrlich, ich sage euch, hier wird kein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen wird!

Dann gibt er klare Verhaltensnormen:

Matthäus 24,15-20 *: Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen sehet an heiliger Stätte (wer es liest, der merke darauf!), alsdann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge; wer auf dem Dache ist, der steige nicht hinab, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, um sein Kleid zu holen. Wehe aber den Schwangern und den Säugenden in jenen Tagen! Bittet aber, daß eure Flucht nicht im Winter, noch am Sabbat geschehe.

Alle Apostel haben Jerusalem verlassen und sind in vielen Regionen der Welt tätig, um Gemeinde zu bauen. Jakobus, der Bruder des Herrn, hatte sich offenbar entschieden, in Jerusalem zu bleiben und für diese Stadt zu beten. Diese Stadt hat es ihm nicht gedankt, sondern ihre Wut an ihm ausgelassen. Aber diese Wut wird sie selbst zerstören. Flavius Josephus bezeugt dies in erschreckender Weise. Jakobus, der Bruder des Herrn, musste nicht mehr miterleben, wie der Tempel des lebendigen Gottes zu einem Rückzugsort für Terroristen wurde, wie von den Dächern dieses Tempels auf die Menschen der Stadt geschossen wurde und wie schließlich alles in Flammen aufging und zerstört wurde.

11.9 Die weinenden Hohenpriester

Flavius Josephus erzählt die Geschichte des Ananus ben Ananus weiter. Es ist eigentlich das Ende der Geschichte des Joseph Kaiphas und soll deshalb angesichts des Todes des Jakobus, des Bruders des Herrn, dargestellt werden. Denn es zeigt uns auch den Blickwinkel Gottes, des Vaters, der über Zeit und Raum steht und den wir so häufig mit unserer Frage nach dem „Warum?“ betrüben: Warum hat Gott Jakobus, den Bruder des Herrn, nicht vor diesem bitteren Ende bewahrt? Jakobus hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, für Jerusalem zu beten. Ob ihm dieser Auftrag von Jesus Christus erteilt worden ist oder ob er sich diese Aufgabe selbst gesetzt hat, wissen wir nicht. Aber Israel hatte diesen Dienst nicht angenommen. Die Aufgabe des Jakobus war erfüllt. Die Dinge würden ihren Lauf nehmen. Gott hat Jakobus davor bewahrt, das zu erleben, was jetzt folgen würde. Denn es ist unwahrscheinlich, dass Jakobus den Tempel verlassen hätte. Es ist ihm erspart worden, bei Kriegshandlungen umzukommen, stattdessen ist er mit einem Zeugnis für seinen HERRN, Jesus Christus gestorben. Die Jahre, die Jakobus noch länger hätte leben können, zählen vor Gott nicht, der über Zeit und Raum steht. Da sind wir zu tief in Raum und Zeit eingebunden, als das wir das nachvollziehen können.

Aber Zeit und Raum zählen für die, die Gott nicht kennen, ob sie nun das Wort «Gott» im Mund führen oder nicht. Zeit und Raum zählen für einen Ananus ben Ananus. Er hat ganz offensichtlich das Richtige gemacht, denn als es zum Aufstand kommt, erhält er den Oberbefehl über Jerusalem. Im Jahr 66 wurde der syrische Statthalter Gaius Cestius Gallus mit seinen Legionen vor Jerusalem zu einer verlustreichen Flucht gezwungen. Flavius Josephus schreibt es der Tatsache zu, dass Gaius Cestius Gallus sehr zögerlich in seinen Entscheidungen war und ohne Not den Rückzug angetreten hatte (Geschichte des jüdischen Krieges II 19.2 (dt) oder II 19.2 (gr)). Dieser vermeintliche Sieg zeigt bei den Siegern gegensätzliche Reaktionen. Die einen sahen darin ein Zeichen, dass die Römer verwundbar waren und setzen auf die Befreiung von der römischen Herrschaft. Andere fürchteten die Rache der Römer und flohen aus Jerusalem. Flavius Josephus schreibt: Als die Verfolger des Gaius Cestius Gallus nach Jerusalem zurückgekehrt waren, brachten sie die noch vorhandenen Römerfreunde teils mit Gewalt, teils durch Uberredung auf ihre Seite und hielten dann im Tempel eine Versammlung ab, um noch weitere Heerführer für den Krieg zu ernennen. Als 0berbefehlshaber der Stadt wurden gewählt: Joseph, der Sohn des Gorion, und der Hohepriester Ananos; besonders machte man ihnen zur Pflicht, die Mauern der Stadt wieder instand zu setzen. Eleazar, den Sohn des Simon, wollten sie, obwohl er die den Römern abgenommene Beute und die dem Gaius Cestius Gallus geraubte Kasse sowie viele Staatsgelder in Händen hatte, kein Amt geben, da sie sein herrschsüchtiges Wesen bemerkt hatten und die ihm ergebenen Zeloten sich wie seine Trabanten benahmen. Bald jedoch ließ sich das Volk durch den herrschenden Geldmangel und Eleazars Zauberkünste derart beeinflussen, daß es ihn als obersten Gebieter anerkannte. (Geschichte des jüdischen Krieges II 20.4 (dt) oder II 20.4 (gr)). Im folgenden erwähnt er dann noch: «Das Kommando in den Bezirken von Gophna und Akrabatene erhielt des Ananias Sohn Joannes, das in beiden Galíläa Flavius Josephus, der Sohn des Matthias, zu dessen Distrikt auch Gamala, die festeste Stadt dieser Gegend, geschlagen wurde.» Also auch Josephus war an führender Stelle unter den Aufrührern. Er beschreibt dann ausführlich seine Taten in Galiläa und, dass der Hohenpriester Ananus ben Ananus in Jerusalem «zusamen mit den führenden Männern, soweit sie nicht römisch gesinnt waren, die Mauern instand» setzte und Kriegsgerät anfertigte. In der Zwischenzeit übernahm, von Nero ernannt, Vespasian die Kriegsführung und eroberte Stadt für Stadt in Galiläa, um sich dann Judäa zuzuwenden. In der Zwischenzeit entstand in Rom ein Bürgerkrieg, der zum Vierkaiserjahr 69 führte. Vespasian gab die Kriegsführung an seinen Sohn KaiTitus ab und ging nach Rom, wo er Kaiser wurde. Übrigens nimmt Flavius Josephus für sich in Anspruch, Vespasian die Kaiserwürde prophezeit zu haben (Geschichte des jüdischen Krieges III 8.9 (dt) oder III 8.9 (gr)), allerdings ebenso der Rabbi Jochanan, der sich angeblich aus Jerusalem zu den Römern abgesetzt haben soll (Siehe nächstes Kapitel Der Fall Jerusalems aus der Sicht des Talmud). Flavius Josephus behauptet, dass er deswegen von Vespasian begnadigt worden sei, als er sich als Kaiser daran erinnerte, dass Flavius Josephus, der ihm die Kaiserwürde prophezeit habe, immer noch in Ketten lag.

Die Belagerung und Eroberung Jerusalems lag nun bei KaiTitus. In Jerusalem selbst gerieten die Dinge immer stärker außer Kontrolle. Phanni, der Sohn Samuels, wurde durch Losentscheid zum Hohenpriester bestimmt. Er sei so ungebildet gewesen, dass er nicht einmal wusste, was Hohepriestertum eigentlich sei. Flavius Josephus berichtet: „Wider seinen Willen schleppten sie ihn vom Lande herein, schmückten ihn wie auf der Bühne mit einer fremden Maske, bekleideten ihn mit dem heiligen Gewand und unterwiesen ihn darin, was er bei gewissen Anlässen zu tun habe. Ihnen freilich diente dieser ungeheure Frevel nur zu Scherz und Spott; den anderen Priestern dagegen, die von fern zusahen, wie das Gesetz verhöhnt wurde, traten die Tränen in die Augen, und sie betrauerten die Verunglimpfung der heiligen Ämter.“ (Geschichte des jüdischen Krieges IV 3.8 (dt)IV 3.8 (gr))

Diese Vorkommnisse lassen nun auch den Hohenpriester Ananus ben Ananus und einige andere zweifeln, ob es den Aufständigen wirklich um die jüdischen Traditionen geht. So werfen sie dem Volk seine Nachlässigkeit in der Berufung ihrer Führer vor. Ananus ben Ananus hält eine mutige Rede. Flavius Josephus berichtet davon:

«Als nun die Menge zur Volksversammlung zusammen gekommen war und alles über die Besetzung des Heiligtums, die Räubereien und die Morde sich entrüstete - ohne daß irgend jemand zur Rache schreiten wollte, weil man mit Recht die Zeloten für schwer überwindlich hielt -, erhob sich mitten in der Versammlung Ananos, schaute mehrmals tränenden Auges zum Tempel hinauf und sprach: „Lieber wäre ich gestorben, als daß ich das Haus Gottes so voller Greuel und die nie betretenen heiligen Stätten von den Füßen der Mörder befleckt sehen muß. Aber noch lebe ich, der ich das hohepriesterliche Gewand und den heiligsten der ehrwürdigen Namen trage, und lebe gern, ohne daß ich bis jetzt den meinem Greisenalter gebührenden rühmlichen Tod erlitten hätte. Bleibe ich freilich allein, so will ich auch allein wie in einer Wüste meine Seele Gott darbringen. Wozu soll ich in einem Volk leben, das kein Gefühl mehr für seine Leiden hat und bei dem die Empfindung für die gegenwärtige Drangsal geschwunden ist? Plündert man euch, so bleibt ihr gleichgültig, schlägt man euch, so schweigt ihr, und über die Gemordeten wagt niemand auch nur laut zu seufzen. Welch harte Tyrannei! Doch was tadle ich die Tyrannen? Sind sie nicht durch euch und eure Langmut groß geworden? Habt nicht ihr, als sie noch wenig zahlreich waren, ihre erste Zusammenrottung außer acht gelassen und durch euer Stillschweigen es verschuldet, daß sie zum großen Haufen anwuchsen? Habt nicht ihr, indem ihr sie sich ruhig bewaffnen ließt, ihre Wafien gegen euch selbst gekehrt, anstatt ihre ersten Angriffe zurückzuschlagen, damals, als sie die Vornehmen mit Schmähungen angriffen? Durch eure Gleichgültigkeit habt ihr die Frevler zu Räubereien ermutigt, und wenn Häuser verwüstet wurden, hattet ihr kein Wort dagegen! Darum konnten sie auch die Eigentümer wegführen, und niemand kam diesen zu Hilfe, als sie mitten durch die Stadt geschleppt wurden. Mit Fesseln entwürdigte man sie, die ihr verraten hattet! Ich will nicht sagen, wie viele, wie hochangesehene Männer ohne Anklage, ohne Verhör so behandelt wurden. Niemand nahm sich der Gefesselten an: Die Folge war, daß wir zuletzt ansehen mußten, wie sie ermordet wurden...» (Geschichte des jüdischen Krieges IV 3.10 (dt)IV 3.10 (gr))

Ananus ben Ananus schafft es, das Volk zum Kampf gegen die Zeloten zu ermutigen. Aber die Zeloten kämpfen vom Tempel aus, haben damit einen hohen Standort, von dem aus sie das Volk bekämpfen können, während andererseits Ananus ben Ananus sich wegen der jüdischen Reinheitsgebot nicht in den Tempelinnenraum wagte. So konnten die Zeloten den Tempel für sich erobern und hatten dadurch einen sicheren Rückzugsort. Trotzdem hätten die Zeloten vermutlich nicht durchgehalten, wenn ihnen nicht ein Heer der Idumäer zu Hlfe gekommen wäre. Dieses bestand aus Idealisten, die das Heiligtum schützen wollten, und Menschen, die einfach am Krieg ihre Freude hatten. Dieses Heer wird durch die Zeloten nach Jerusalem hereingelassen und entscheidet den Kampf für sich und damit für die Zeloten.

Jetzt nehmen sie Rache am Volk und bringen viele Menschen um. Insbesondere machen sie Jagd aud Ananus ben Ananus und finden und ermorden ihn. Flavius Josephus schreibt darüber:

«Im ganzen äußeren Tempelhof flossen Ströme von Blut, und als der Tag anbrach, zählte man 8500 Tote. Noch aber war die Wut der Idumäer nicht gestillt, sondern sie wandten sich jetzt gegen die Stadt, raubten sämtliche Häuser aus und stießen` nieder, wer ihnen in den Weg kam. Doch bald dünkte es ihnen Zeitverschwendung, sich mit dem gemeinen Volk weiter herumzuschlagen; vielmehr suchten sie die Hohenpriester, und da sie in Massen auf sie Jagd machten, hatten sie binnen kurzen alle gefangen und erschlagen. Einige stellten sich auf die Leichen und höhnten bald über die wohlwollende,Gesinnung des Ananos gegen das Volk, bald über die Rede, die Jesus von der Mauer herab gehalten hatte. Sie trieben ihren Mutwillen so weit, daß sie die toten Körper unbeerdigt beiseite warfen, während doch die Judäer um das Begräbnis ihrer Toten so ängstlich besorgt sind, daß sie selbst die Leichen der zum Kreuzestod Verurteilten vor Sonnenuntergang abnehmen und bestatten. Ich irre wohl nicht, wenn ich sage: Mit dem Tode des Ananos nahm der Untergang der Stadt seinen Anfang, und von dem Tage an, da die Judäer ihren Hohenpriester, den Mann, der ihnen den Weg zur Rettung gewiesen, mitten in der Stadt hingemordet sahen, war ihre Mauer zerstört, der judäische Staat vernichtet. Denn Ananos war nicht nur ein ehrwürdiger und höchst rechtschaffener Mann, sondern liebte es auch trotz der hohen Stellung, die ihm seine Geburt, sein Amt und seine Würde verliehen, selbst mit den niedrigsten Leuten auf gleichem Fuße zu verkehren; zudem war er in hohem Grade freiheitliebend und ein Verehrer der Volksherrschaft; stets setzte er seinen eigenen Vorteil dem gemeinen Wohle nach; den Frieden aber schätzte er über alles, ...»

und er beschließt seinen Nachruf:

«Gott hatte aber, wie mir scheint, den Untergang der entweihten Stadt und die Reinigung des Heiligtums durch Feuer beschlossen; so nahm er diejenigen von der Erde hinweg, die sich seiner noch annahmen und es liebten. Nun sah man die Männer, die kurz zuvor noch, mit dem heiligen Gewand bekleidet, an der Spitze des in der Welt`verehrten Gottesdienstes gestanden hatten und von den aus allen Gebieten der Erde nach Jerusalem strömenden Pilgern ehrfurchtsvoll begrüßt worden waren, nackt den Hunden und wilden Tieren zum Fraße hingeworfen. Die Tugend selbst, glaube ich, beweinte das Schicksal dieser Männer und klagte darüber, daß sie der Bosheit so schmählich unterliegen mußten. Dies war das Ende der Hohenpriester Ananos und Jesus.» (Geschichte des jüdischen Krieges IV 5.2 (dt)IV 5.2 (gr))

Er bezieht das auf die Hohenpriester, was wir weiter oben im Blick auf die Ermordung des Jakobus, des Bruders des Herrn, gesagt haben.

11.10 Die Abwärtsspirale

Man erkennt, wie sehr das Schicksal der Gemeinde mit den politischen Verhältnissen verknüpft war, wie tief der Hass der religiösen Führer war, so dass ein kleines Zeitfenster zwischen Porcius Festus und Lucceius Albinus ausreichte, um den Menschen umzubringen, der fast täglich im Tempel für sein Volk betete. Es ist der religiöser Führer ohne Gott, der seine eigene Politik macht, er hat nur diese Alternative: Er kehrt um, tut Buße, wenn er sieht, wie der Geist Gottes die Menschen bewegt, die den Willen Gottes tun, oder seine Ablehnung wird zunehmend härter und schlägt sehr leicht in Hass um. Ist man erst einmal beim Hass angekommen, dann ist die Handlung, die daraus resultiert, nur noch von den zur Verfügung stehenden Mitteln abhängig. Jakobus, der Bruder des Herrn, hätte vermutlich überlebt, wenn Lucceius Albinus seinen Vorgänger Porcius Festus abgelöst hätte, ohne dass eine Vakanz entstanden wäre. Der Ananus ben Ananus hat sein Amt noch vor dem Amtsantritt des Lucceius Albinus durch den König Agrippa II. verloren, der das Recht hatte, die Hohenpriester zu ernennen. Diese Vorgänge werfen auch ein Licht auf die Beziehungen zwischen dem Königshaus und dem Hohen Rat. Wenn der König von dem beabsichtigten Todesurteil gegen Jakobus erfahren hätte, hätte er als loyaler Freund Roms ganz sicher die Hinrichtung bis zur Ankunft des Lucceius Albinus aufgeschoben. Der Hohe Rat hat also ganz offensichtlich auch den König übergangen.

So war der Schaden da. Die Gemeinde der jüdischen Christen wird im Gefolge dieses Ereignisses Jerusalem rechtzeitig verlassen und das Unglück nicht miterleben, das über die Stadt kommt. Aber die religiösen Führer werden es erleben und zum großen Teil nicht überleben.

Bleibt die Person des Walkers zu betrachten. Man wird einen Handwerker, insbesondere im Altertum, nicht gerecht, wenn man ihn als reinen Mitläufer einschätzt. Er wird sich schon seine eigene Meinung über die Christen gebildet haben. Aber diese Meinung entstand in einem Umfeld von Hass und Gewalt. Da waren die Römer, die immer das letzte Wort hatten. Da war ein König, der eigentlich nur ein Erfüllungsgehilfe der Römer war. Die Hohenpriester wechselten sehr häufig und waren oft ebenfalls auf Seiten der Römer. Aber jetzt war eine kurze Zeitspanne, in der kein römischer Statthalter anwesend war. Und der Hohepriester Ananus ben Ananus nutzte diese Zeit, endlich griff er durch. Und der Walker hat seinen Teil dazu beigetragen. Aber ganz sicher hätte er in einem anderen Umfeld anders gehandelt.

Und es ist nicht eine alte Geschichte, sondern bis heute gehen ganze Kirchengemeinden zu Grunde, weil einzelne Männer oder Frauen Entscheidungen treffen, die aus ihrem eigenen Gutdünken, aus ihren eigenen taktischen Überlegungen geboren sind und nicht dem Willen Gottes entsprechen. Damit begibt sich die ganze Gemeinschaft, in der diese Menschen wirken, auf eine Abwärtsspirale, die nur durch Buße und Umkehr unterbrochen werden kann. Aber je bedeutender ein religiöser Führer ist, je mehr er oder sie in der Öffentlichkeit exponiert ist, umso schwerer fällt es solchen Menschen, umzukehren. Aber sie reißen damit ganze Gemeinden mit, dies müssen sie wissen, auch wenn es häufig nicht so geräuschvoll ist wie im Judäa des Jahres 70.







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