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EKD-Denkschrift Familie

Familienpolitik und Kirche

Anmerkungen zu Kapitel 6-8

 


Zusammenfassung

Im Bereich der Familienpolitik fühlen sich die Autoren weit mehr zu Hause, als in der Bibel. Dies ist deutlich zu bemerken. Ein wenig merkwürdig mutet an, wie hier der soziale Arbeitgeber Kirche höhere Bezahlung und Qualität in der Betreuung und Pflege fordert, statt es einfach umzusetzen. Es fehlen insgesamt die kirchenspezifischen Visionen.

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EKD-Denkschrift zur Familie
Kapitel 6-8

Herausforderungen und Brennpunkte der Familienpolitik
Familienpolitik als neue Form sozialer Politik
Wie Kirche und Diakonie Familien stark machen können

Auf wesentlich sichererem Grund finden sich die Autoren, wenn sie politische Themen anfassen. Hier können sie Entwicklungen beschreiben. Offenbar liegt hier ihre eigentliche Kompetenz.

Erfreulich ist, dass die Autoren den Sonntag entdecken. Ganz zart wird auch angedeutet, dass man da auch spirituelle Erfahrungen machen kann(Abschnitt 59).

Abschnitt 59 endet mit dem guten Satz: „Christliche Gemeinden können Familien dabei unterstützen, sensibel und kreativ mit Passagen im Lebenslauf umzugehen. Immer häufiger stehen Familien vor der Aufgabe, Familienfeste mit der Verwandtschaft der getrennt lebenden Partner oder auch mit neu hinzugekommenen Familienmitgliedern zu feiern. Damit Menschen sich darin nicht allein gelassen fühlen, bedürfen sie der einfühlsamen Begleitung.“ Wieder stellt sich hier die Frage, ob einfühlsame Begleitung reicht. Ist es nicht ebenso wichtig, Prophylaxe zu treiben und zu warnen, Kosequenzen aufzuzeigen, auch auf die Gefahr hin, dass Menschen es vielleicht nicht gerne hören. Ein Arzt muss auch unbequeme Wahrheiten sagen. Er darf nicht nur Medikamente gegen die Folgen des Rauchens verschreiben, er muss auch einmal grundsätzlich darüber reden.

Insgesamt ist dieser Abschnitt aber davon geprägt, von dem männlichen Ernährermodell loszukommen. Sicherlich muss man nicht ein Modell erzwingen, aber warum diskutiert man nicht auch die Chancen, die in dem klassischen Modell liegen. Hier lässt sich die Kirche vor den Karren der Industrie spannen, die ohne die weiblichen Arbeitskräfte nicht auskäme. Die Bibelstelle, die etwas anderes sagt, ist auch von Paulus und vermutlich auch auf der Liste der nicht mehr zeitgemäßen und von der Kirche nicht mehr zu lehrenden, vielleicht sogar schon etwas peinlichen Bibelstellen: sie soll aber gerettet werden durch Kindergebären, wenn sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung samt der Zucht. (1.Timotheus 2,15 * )

Da steht nicht, dass das der einzige Weg ist, aber es ist ein Lebensentwurf, den Paulus hier als völlig ausreichend darstellt. Es gibt in der Bibel auch andere Frauen mit wichtigen Funktionen. Das heißt aber nicht, dass dieser Lebensentwurf deshalb völlig diskreditiert werden sollte, wie es heute leider oft geschieht und diese Orientierungshilfe der EKD ebenfalls tut.

Es folgen die in der Öffentlichkeit hinreichend diskutierten Passagen über die Qualifikation und den Lohn in Pflegeberufen. Wohlan, möchte man sagen, viele Einrichtungen sind in kirchlicher Trägerschaft. Warum jammern, wenn man es ändern kann.

Abschnitt 63 befasst sich mit den Veränderungen im Arbeitsleben: „Weltweite Transformationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft wie die Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, das Erfordernis der Mobilität und die zunehmende Prekarisierung von Erwerbsarbeit vor allem im Bereich der Dienstleistungen haben die Gesellschaft stark verändert und das in Westdeutschland vorherrschende männliche Versorger- und Ernährermodell spätestens seit 1990 brüchig werden lassen.“ Damit sieht die Studie selbst, dass es die Erfordernisse der Wirtschaft sind, die unsere Arbeitswelt verändern. Da sie aber das „männliche Versorger- und Ernährermodell spätestens seit 1990 brüchig werden lassen.“ sind sie gut. Allerdings erkennen auch die Autoren, dass es nicht ihr Wunschbild vom Menschen ist, was sich hier durchsetzt, sondern: „Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt ist daher längst nicht mehr nur der Forderung nach Emanzipation geschuldet, sondern hat sich für die Mehrheit der Familien zu einerökonomischen Notwendigkeit gewandelt.“ Dabei ist die Frage erlaubt, ob es in allen Fällen wirklich ökonomische Notwendigkeit ist oder ob es in vielen Fällen nicht auch überzogene Erwartungen an das eigene Konsumverhalten ist.

Abschnitt 66 ist sehr lesenswert im Blick auf die Verlagerung der Arbeit. Die Haushalte, in denen beide arbeiten, verlagern die Aufgaben im Haus und an den Kindern auf angestellte Arbeitskräfte, häufig Migrantinnen. Allerdings wird das nicht kritisch reflektiert.

Allerdings schwant den Autoren, dass das Modell, in dem beide Ehepartner voll in den Arbeitsprozess eingebunden sind, in ein mit ganz erheblichen Kosten verbundenes Defizit führt: „Die »Versorgungslücke«, das Care-Defizit, das damit entsteht, stellt für Staat und Gesellschaft eine erhebliche Gestaltungsaufgabe dar, um die Organisation alltäglicher Erwerbsarbeit und die Fürsorge für andere im Erwerbsverlauf und im Familienzyklus gerecht zu verteilen und zugleich Gesellschaft und Staat für die Schaffung der Rahmenbedingungen in die Verantwortung zu nehmen. Daran wird sich entscheiden, ob es gelingt, Frauen und Männern Mut zu Kindern zu machen.“ Die schöne neue Welt wird darin bestehen, dass unsere Kinder völlig industriell gefertigt werden. Aus dem Bauch der Mutter geht es in die Krippe, den Ganztagskindergarten, die Ganztagsschule usw. Sind uns die Produkte, die wir auf diese Weise zusätzlich erzeugen: Mehr Autos, mehr Häuser, mehr Technik im Haushalt usw. so wertvoll, dass wir das wollen? Ist es so unerfreulich, sich um die eigenen Kinder zu kümmern? Ist eine Arbeit am Band in einem Industriebetrieb wirklich die Erfüllung des Frauseins? Selbstverständlich ist es spannender, Wissenschaftlerin oder Ministerin oder Managerin zu sein. Aber dies betrifft ja nicht die Masse der Frauen.

Abschnitt 73 befasst sich dann mit der religiösen Erziehung: „Zum christlichen Glauben gehört die Fähigkeit, sich selbst und anderen Rechenschaft über diesen Glauben geben zu können;“ Für wahr. Aber dies setzt voraus, dass man seine Bibel kennt. Und da haben selbst hochbezahlte Kirchenmitarbeiter ganz offensichtlich ihre Probleme, wie die Auslassungen im Kapitel 5 zeigen. Aber dies ist auch gar nicht das Ziel der Autoren. Die Autoren haben den Dialog der Religionen im Auge: „das setzt heute insbesondere Dialogfähigkeit und die Offenheit gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen voraus– mithin die Bereitschaft, sich angesichts bleibender Differenzen der wechselseitig kritischen Auseinandersetzung zu stellen (EKD, Kirche und Bildung, 2009, 59).“ Allerdings folgt dann ein sehr wichtiger Satz: „Auf dem Bildungsweg und im Entwicklungsprozess von Kindern wird es in christlicher Sicht insbesondere darauf ankommen, nicht nur funktionale und ökonomisch verwertbare Kenntnisse zu vermitteln, sondern Fähigkeiten zu wecken und zu stärken, die fürsorglichen Lebensverhältnissen dienen: einer Kultur des Mitgefühls, der Barmherzigkeit und der Hilfsbereitschaft(vgl. EKD, Maße des Menschlichen, 2003, 63).“

Abschnitt 74 setzt dann einen gewaltigen Punkt: „Inzwischen ist unstrittig, dass der Besuch einer Kindertagesstätte und das Zusammensein mit Gleichaltrigen bzw. in jahrgangsgemischten Gruppen der Entwicklung förderlich sind.“ Leider wird hier nicht gesagt, mit welchem Maß hier gemessen wird. Außerdem ist auch offen, ab wann das gilt und ob ein einjähriges Kind das auch schon so empfindet: „Studien belegen jedoch, dass auch unter dreijährige Kinder – unter der Voraussetzung qualitätsvoller Einrichtungen – von außerhäuslichen Bildungs- und Erziehungsangeboten profitieren, umso mehr, wenn sie aus bildungsbenachteiligten Familien kommen.“ Sicher gibt es zu jeder Familiensituation eine Einrichtung, die das besser macht. Aber sind die Werte, die hier gemessen werden wirklich die Werte, die später zählen, wenn es um psychische Stärke, Gelassenheit unter Stress, Kompetenz im Umgang mit dem Ehepartner geht? Ich gehöre in der Tat zu den bösen in den alten Bundesländern, die das nicht so recht glauben mögen, zumal sich ja hier ein Fachgebiet - die Pädagogik - selbst bewertet. Ich bin lange genug im Wissenschaftsbetrieb und meine zu wissen, dass jeder Wissenschaftler sich zunächst einmal für hervorragend hält... „Dass dies auch für Jüngere, unter Dreijährige gilt, ist – vor allem in den alten Bundesländern – noch nicht in gleicher Weise akzeptiert.“ Genau so ist es.

Auch in Abschnitt 74 wurde die Qualität als wesentliches Merkmal herausgestellt. Auch im Blick auf die Pflege wurden Qualitätsverbesserungen angemahnt. Im Abschnitt 75 kommt ein wenig Ehrlichkeit auf, indem auf die beschränkten Ressourcen der Kommunen hingewiesen wird. Aber es werden aus dieser Erkenntnis keine Konsequenzen gezogen. Damit macht die Studie nicht nur in ihrem biblischen sondern auch in ihrem praktisch politischen Teil einen abgehobenen Eindruck.

Sehr schön zu lesen und zu beachten ist Abschnitt 79 über die Konfirmanden.

Sensationell ist dann Abschnitt 82: „Leitbild der Reformatoren ist die Gemeinde von Christinnen und Christen, die die Bibel selber lesen können und von daher ihren Glauben verstehen, in ihm urteilsfähig sind und wissen, auf welchem›Glaubenswissen‹ im Sinne grundlegender Erzählungen, Erfahrungen, Traditionen und Bekenntnisse christlicher Glaube und christliche Geschichte beruhen.“ Genau so soll es sein. Aber in Kapitel 5 mussten wir ja gerade lernen, dass die Auslegung durch das Lehramt entscheidend ist: (Kap. 5 Einleitung) „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben.“ Die Autoren der Orientierungshilfe sehen hier keine Diskrepanz. Es scheint ihnen nicht bewusst zu sein, dass sie mit ihrem lockeren Umgang mit der Bibel die Reformatoren verlieren.

Kapitel 6.5 befasst sich mit häuslicher Pflege und ist durchzogen von finanziellen Forderungen. Die Kirche kann in ihren Einrichtungen alles umsetzen, was sie für richtig hält. Warum fordert sie sich also in diesem Papier selbst auf?

Kapitel 6.7 ist schmerzlich zu lesen. Es verwundert wohl nicht, dass das Papier sich zu Fragen wie Mission nicht äußert. Es ist aber schon schade, wenn das Papier das Auftreten der Migranten als Chance begreift, wieder zum Tischgebet zurück zu kehren. Gibt es da keinen direkten Weg? Abschnitt 106 geht mit den Implikationen von Ehen unterschiedlicher religiöser Herkunft der Partner fahrlässig um. Hier müssten die Probleme gezielter genannt werden. Es gibt keinen Mittelweg zwischen Beschneidung und Nichtbeschneidung. Das kann auch eine noch so gute nachträglich Beratung der Kirche nicht leisten.

Im Kapitel 7 könnte man alles noch einmal diskutieren, was bereits im vorangehenden gesagt ist. Das tradierte Modell gilt es abzuschaffen und neue Modelle müssen her. Um dieses nachhaltig zu erzwingen, muss auch das Familiensplitting abgeschafft werden. Warum, fragt man sich, geht hier eine Kirche so einseitig vor und versucht, Frauen genauso in den Kommerz einzuspannen, wie den Mann. Die Freiheitsgrade, die das alte System auch im Bereich sozialen Engagements ermöglichte, sollte man auch würdigen.

Im Kapitel 8 „Wie Kirche und Diakonie Familien stark machen können“ ist eigentlich der Ort, wo all die Dinge zu behandeln sind, die außerhalb des biblischen Weltbildes existieren. Selbstverständlich ist die Kirche aufgefordert, allen Menschen in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen und zu helfen. Hier ist nicht zu differenzieren zwischen gerechten und ungerechten Menschen, hier gilt, dass wir allzumal Sünder sind. Allerdings gehört dazu auch, dass sich die Kirche nicht selbst verleugnet, sondern klar Position bezieht mit in sich stimmigen Modellen. Diese Modelle zeigt diese Orientierungshilfe nicht. Und daher ist eine wesentliche Chance, die Familie zu stärken, vertan.







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Nr.BibelstelleBibeltext
11.Timotheus 2,15
1
sie soll aber gerettet werden durch Kindergebären, wenn sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung samt der Zucht.




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