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Buchbesprechungen

Jesus

Hans Küng

 


Zusammenfassung

Wie schwer fällt es doch einem Theologen, bis zu Jesus durchzudringen. Hans Küng versucht es. Schon im Klappentext kündet sein Verlag großes an, indem er zunächst Hans Küng zitiert: «Gerade meine Kirchenkritik kommt wie die so vieler Christen aus dem Leiden an der Diskrepanz zwischen dem, was der geschichtliche Jesus war, verkündete, lebte, erkämpfte, erlitt, und dem, was heute die institutionelle Kirche mit ihrer Hierarchie repräsentiert. Diese Diskrepanz ist oft unerträglich groß geworden. Jesus bei einem triumphalen Pontifikalamt im Petersdom? Oder im Gebet mit dem amerikanischen Kriegspräsidenten und Benedikt XVI. im Weißen Haus?» Der Verlag fügt dann hinzu: „Vor Jahren hat Hans Küng in einzelnen Teilen seines Buches «Christ sein» das Bild, das das Christentum von seinem Stifter hat, wieder zum Leuchten gebracht.“

Wieder zum Leuchten gebracht? Hat der Auferstandene irgend jemand von uns nötig, um zu leuchten? Ist das wirklich der Zugang, mit dem ein Mensch, und sei er auch noch so klug, sich Jesus, dem Christus Gottes, nähern sollte. Bei allem Verständnis dafür, dass ein Buch auch verkauft werden muss: Ein wenig mehr Demut täte dem Zugang zu Jesus schon gut, insbesondere auch deshalb, weil der Autor ja deutlich machen wird, dass es ihm nicht nur um den am Kreuz gestorbenen Zimmermannssohn und Wanderprediger Jesus von Nazareth geht, sondern insbesondere um den von Gott auferweckten Christus Jesus.

Das Buch legt Zeugnis ab von den großen Kämpfen, die ein historisch kritischer Theologe innerlich bestehen muss, wenn er die Auferstehung in einem großen DENNOCH in seine Theologie einordnen will, eine Theologie, die ansonsten davon geprägt ist, dass nur gilt, was die Naturgesetze, so wir sie heute kennen, auch zulassen, die eine Auferweckung des Lazarus für Legenden halten und trotzdem an Jesus als Auferstandenen glauben. Küng spricht in diesem Zusammenhang von dem von Gott auferweckten Jesus.

Und das ist die Überraschung dieses Buches: Es bleibt Glauben übrig. Und so ist mein Rat, dieses Buch vom Ende her Kapitel für Kapitel zu lesen, denn vom Ende her relativieren sich die harten Worte, mit denen er sich zum Richter über das Wort Gottes macht: Authentisch - nicht authentisch. Und vom Ende her stellen sich auch eine Reihe von Fragen an den Autor: Warum muss ich die Heilung eines Gelähmten oder Blinden für eine Legende halten, wenn ich doch glauben darf, dass Gott Jesus auferweckt hat.

Schlagwörter: Auferstehung - Auferweckung - Bibel - Historischer Jesus - Jesus - Küng - Nachfolge - Passion - Predigten Jesu

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Hans Küng

Jesus

Piper Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-492-30226-5
2. Auflage, April 2013, 9,99[D]
© 2012 Piper Verlag GmbH, München

Zunächst einmal muss ich feststellen, dass ich kein Katholik bin und deshalb die Empfindungen, die ein katholischer Christ im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat, kaum teilen kann. Für einen baptistischen Gläubigen ist das Konzil im wesentlichen damit verbunden, dass die baptistische Gemeindearbeit in Bayern leichter wurde und auch die Beziehungen zur katholischen Kirche entspannter wurden. Das, was ein katholischer Christ mit einer «Christologie von oben» verbindet, entzieht sich einem im allgemeinen Priestertum aufgewachsenen, an der Bibel orientierten Baptisten völlig. Als wir als junge Menschen das Gefühl hatten, dass wir über den Heiligen Geist nicht genug wussten, sind wir zu unserem Pastor gegangen und haben gefragt. Als dieser dann, theologisch richtig, aber ein wenig dürftig mit der Stelle aus Johannes 3,8 * antwortete: Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. haben wir uns selbst mit dem Thema beschäftigt und uns die Informationen und die Erfahrungen selbst gesucht. Kann man also das Küng-Buch abtun als eine innerkatholische Angelegenheit? Wie so oft im Leben: Einerseits ... andererseits ...

Einerseits ist es schon interessant, aber für einen Außenstehenden auch irrelevant, wie der Tübinger Professor Küng gegen seinen ehemals Tübinger Professorenkollegen Ratzinger ankämpft. Der eine ist Papst geworden, dem anderen ist die kirchliche Lehrerlaubnis, MISSIO CANONICA, entzogen worden. Küng wird von WIKIPEDIA dazu zitiert: … wenn ich zurückdenke an die psychische und physische Erschöpfung nach einem Kampf auf theologischer, kirchenrechtlicher, staatsrechtlicher, publizistischer und politischer Ebene, in Fakultät und Universität, Wissenschaftsministerium und Landesparlament; auf der anderen Seite Bischof, Bischofskonferenz, Nuntius und letztlich bestimmend Papst und Kurie. Wahrhaftig: vom 18. Dezember 1979 bis zum 10. April 1980 die vier schlimmsten Monate meines Lebens … Allerdings wurde Joseph Ratzinger erst am 1.3.1982 Präfekt der Glaubenskongregation, so dass dies wohl keine direkte Entscheidung seines Kollegen aus gemeinsamer Tübinger Zeit war. Küng empfindet, dass Ratzinger in seiner Tübinger Vorlesung «Einführung ins Christentum» „von der modernen Jesus-Forschung eine polemische Karikatur” bot. Im Gegensatz dazu wolle er, Küng, „systematisch streng auf dem kritisch eruierten Befund des Neuen Testaments” aufbauen (S.12).

Und damit sind wir beim „andererseits”: Hier kämpft ein Mann mit (oder vielleicht auch gegen) sein theologisches Verständnis um den Glauben. Theologische Fachbücher sind schon eine Klasse für sich. Mir kommt es manchmal so vor, dass manche Theologen den Eindruck haben, dass im Altertum eine Verschwörung herrschte, die Neuzeit einmal so richtig an der Nase herum zu führen. Nur wirklich geschulte Theologen können einordnen, welche Bibelstellen überhaupt authentisch sind oder wer welche Einschübe mit finsterer Absicht fabriziert hat. Mir ist unklar, ob dem Theologen Küng bewusst ist, wie er da mitwirkt, dass ein neues Gebäude der Schriftgelehrsamkeit aufgerichtet wird, dass nur noch Eingeweihte überhaupt die Bibel richtig lesen können, weil sie wissen, was authentisch ist und was nicht. Wie soll der normale Zeitgenosse noch mit dem Wort umgehen, wenn er die vielfältige kritische Literatur gar nicht kennt und eigentlich gar nicht weiß, wovon er spricht. Selbst der große Theologe Küng zweifelt, ob er das alles überblickt und schreibt auf Seite 13: „Aber kompetente Exegeten haben mir bestätigt, dass sich in den Grundfragen wenig geändert hat und meine systematisch-theologischen Folgerungen aktuell geblieben sind.” und dann: „wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung (sucht), lese Küng.” (S.13) Und damit wird dieses Buch zu einem seelsorglichen Anliegen, dass vielleicht nicht nur Hans Küng betrifft, sondern viele Theologen, die an ihrer eigenen Arbeit zu zerbrechen drohen, weil Christsein plötzlich eine Frage des Datums wird. Was heute noch gilt, kann morgen schon falsch sein, weil eine große Zahl kritischer Exegeten der Ansicht ist, dass ein bestimmtes Zitat wohl doch zu Unrecht Jesus zugeschrieben wird.

Zunächst einmal der erste Eindruck nach dem Lesen des Buches: Da schreibt jemand ein Buch über Jesus, und der Heilige Geist kommt gar nicht darin vor. Er schreibt über Gott den Vater, der selbstverständlich auch eine Mutter ist, und die Anbetung kommt nicht vor. Das sind Defizite, die mich beim Lesen des Buches von Anfang an bewegt haben und sich beim Lesen leider verfestigt haben. Die kritischen Exegeten sind wichtige Zeugen für Hans Küng, aber warum sagt er nichts über den Heiligen Geist, von dem Jesus gesagt hat: Wenn aber der Beistand kommen wird, welchen ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird der von mir zeugen; (Johannes 15,26 *) und Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. (Johannes 16,13 *)

Küng beschreitet einen viel mühsameren Weg. Es ist nicht der Weg derjenigen, über die Jesus sagt: Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast! (Matthäus 11,25  *) Es ist ein Weg, der über viele beschwerliche Felsbrocken führt: Seite 210 sei nur als Beispiel genannt, mit welchen Brocken Küng es zu tun hat: „Sosehr die meisten Stellen in den synotischen Evangelien redaktionelle Eintragungen des Lukas in das Markusevangelium sind, so berichtet doch schon das Markusevangelium vom stundenlangen Beten Jesu außerhalb der liturgischen Gebetszeiten in der Einsamkeit. Jesus selber hat gedankt. Sosehr die johanneisch klingende Fortsetzung von gegenseitigem Erkennen des Vaters und des Sohnes in ihrer Authentizität umstritten ist, sowenig das unmittelbar vorausgehende Dankgebet, welches allen Misserfolgen zum Trotz den Vater preist, ...” und dann folgt tatsächlich der Bezug auf die Unmündigen, Ungebildeten, Geringen, Anspruchslosen. Ob die Ungebildeten den zitierten Satz überhaupt verstehen, ob sie bis Seite 210 dieses Buches überhaupt vordringen? Ein wenig entsteht der Eindruck, als wenn hier ein Schriftgelehrter eine Bibelstelle wider die Schriftgelehrten auslegt. Ich sage dies ohne Häme. Die Theologie hat viele Sackgassen gebaut und steht in der Gefahr, sich darin zu verlieren.

Seite 219 unten lernen wir, dass ein „ ungeschickter, lächerlich wirkender Schwertschlag eines Unbekannten” wohl Anlass für „die Legende von der Heilung des abgehauenen Ohres” ist. Solche Sätze schmerzen, weil hier der Schreiber sich über das Wort stellt, über Gottes Wort. An einigen Stellen kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die Evangelisten wohl verabredet haben, Dinge falsch darzustellen, denn S.220 unten lesen wir: „Auch wenn man die Tendenz der Evangelisten, den Vertreter Roms als Zeugen der Unschuld Jesu hinzustellen und zu entlasten, in Rechnung stellt: es ist doch glaubhaft, dass ...”. Also selbst dann, wenn sich die Evangelisten einig sind, ist es schon möglich, dass heutige Exegeten es besser wissen. Ist es wirklich anzunehmen, dass heutige Theologen mehr wissen, als die Zeitzeugen uns überliefert haben? Nachdem ich beim Lesen von Küngs Buch das Johannesevangelium, das ich eigentlich sehr schätze, schon fast als unglaubwürdig abgeschrieben habe, lese ich auf Seite 226 zu meiner großen Freude: „Es war durchaus nicht übertrieben, wenn nach dem oft klarsichtigen Johannes der Hohepriester Kajefas in der entscheidenden Sitzung des Synedriums zu bedenken gab: «Ihr seid ganz ohne Einsicht und bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk zugrunde geht.»“ Aber woher weiß ich, wann das Johannesevangelium klarsichtig ist und wann der johanneische Klang einer Bibelstelle sie verdächtig macht? Große Brocken liegen da auf dem Wege zu dem Jesus von Nazareth, dem Christus, von dem die Bibel uns doch Zeugnis geben will.

Richtig entsetzt haben mich Stellen, wie sie auf Seite 230 zu finden sind: „Die einzigartige Gottesgemeinschaft, in der Jesus sich wähnte, macht auch seine einzigartige Gottesverlassenheit aus.“ Also wähnte sich Jesus in einer einzigartigen Gottesgemeinschaft. Das war mir allerdings neu. Aber da wir auf Seite 253 lernen, dass Lazarus von Jesus nicht auferweckt worden ist, scheint eine solche Annahme nur konsequent.

Ich sage dies nicht, um Küng in die Ecke des bösen, ungläubigen, die Schrift in Frage stellenden Theologen zu stellen, der außer seinen Theologenkollegen offenbar niemandem etwas zu sagen hat. Das würde ihm in keiner Weise gerecht. Ich sage dies, um darzustellen, welche dicken Brocken ein heutiger Theologe auf dem Weg zu dem auferstandenen Jesus liegen hat. Von den Heilungswundern, die von Küng auf psychische Erkrankungen reduziert werden, die Jesus mit seiner freundlichen Zuwendung heilt, will ich ganz schweigen. Küng verbaut sich die einfache Aussage, die nach meiner Ansicht die Theologen der Zeit Jesu in Aufregung versetzt hat, dass da einer predigt und seine Legitimation und Nähe zu Gott durch Wundertaten vor dem Volk nachweist. Diese Theologen lassen sich nun zu diesem Jesus herab und sind bereit, seine Wundertaten zu überprüfen. Und da entzieht Jesus sich ihren Wünschen, er solle doch nun einmal ein Wunder vor ihren Augen tun, das die Schriftgelehrten genau beobachten können, um zu entscheiden, ob es nicht doch ein Taschenspielertrick oder Dämonie ist, was Jesus da praktiziert. Diese Weigerung Jesu, seine Wunder vorzuführen, zur Prüfung vorzulegen, hat sie in Rage gebracht, weil es ihre eigene Stellung als religiöse Führer zerstört. Und wir müssen da ganz ehrlich sein, wenn Jesus heute so handeln würde, dann würde jeder Vorstand einer Baptistengemeinde und erst recht die Kurie in Rom genauso handeln wie die religiösen Führer damals. Aber da Jesus, nach Ansicht von Küng, gar keine Wunder getan hat, entfällt diese einfache Begründung für Jesu Konflikt mit den religiösen Führern. Aber Küng zeigt andererseits, dass es auch in Jesu Predigt genug Anlass zur Auseinandersetzung mit den religiösen Führern gab. Obwohl Küng die Auseinandersetzung mit den religiösen Führern für nicht so bedeutend hält und meint, dass sie erst später von den Evangelisten aus der Erfahrung der Gemeinde in die Evangelien gekommen ist. Küng sieht Jesus primär als ein Opfer der römischen Justiz.

Also kann man die ersten 200 Seiten von Küngs Buch einfach überschlagen? Vielleicht. Wer aber eine Darstellung der Predigt Jesu sucht, der wird auf den ersten 200 Seiten schon viele interessante Beobachtungen finden. Kritisch ist anzumerken, dass Küng, wie fast alle textkritischen Theologen, von Jesus und seinen Jüngern, was ihre Intelligenz angeht, keine große Meinung haben: „Ein beliebiger Mann aus Nazaret, woher «nichts Gutes kommen» kann, von niedriger Herkunft, unbedeutender Familie, mit einer Gruppe junger Männer und ein paar Frauen, ohne Bildung, Geld, Amt und Würden, ...“ lesen wir an vielen Stellen, hier zitiert nach Seite 196. Dies muss man bezweifeln. Damals war es noch nicht so, dass jeder, der halbwegs intelligent war, auch eine höhere Bildung bekam, sondern der Sohn eines Zimmermanns wurde Zimmermann, der Sohn eines Fischers wurde Fischer, ob das Kind intelligent war oder nicht. Wenn man sieht, was Jesus und auch sein Bruder Jakobus intellektuell geleistet haben, dann muss man auch vor der Erziehung im Hause des Zimmermanns Joseph Respekt haben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Fischer Simon, als er als Petrus durch Griechenland nach Rom zog, auf dem Wege, weil er vielleicht sehr sprachbegabt war, ein exzellentes Griechisch gelernt hat, so dass er den Petrusbrief, den man ihm nicht so recht zutraut, doch seblst geschrieben hat. Wer weiß denn, welche Bücher Petrus auf dem Wege nach Rom oder auch in Rom gelesen hat. Selbst heute ist die Annahme „Zimmermann=ungebildet” zynisch. Damals, bei den festen Strukturen der Gesellschaft, war sie völlig unhaltbar. Dies ist mir im ersten Teil unangenehm aufgefallen und sollte vom Autor noch einmal bedacht werden.

Wenn Küng schreibt, dass im Neuen Testament die oberste Norm ist, was Gott will, dass Gebote und Verbote eher verdecken, worauf es entscheidend ankommt (S.130/131), dann gibt er sehr wichtige Gedankenanstöße, die den ersten Teil des Buches doch lesenswert machen.

Über manches muss man einfach hinweglesen, offenbar muss er da zeigen, dass er die entsprechenden theologischen Veröffentlichungen auch kennt. Manchmal fragt man sich, warum er solche Bemerkungen überhaupt macht, etwa S. 135 unten. Zu seinem Ziel, die Bergpredigt auszulegen, trägt es kaum etwas bei. Ist es denn so unerträglich, dass aus einer ganz sicher längeren Predigt Jesu unterschiedliche Passagen zitiert werden, schließlich musste man sich damals kurzfassen, weil Bücher über 300 Seiten für 9,99€ wohl kaum zu produzieren waren. Für mich ist es eher ein Hinweis, wie schwer es ein theologischer Forscher wie Küng hat, einfach zu glauben. Damit möchte ich kein Urteil über Küngs Glauben abgeben, das steht mir nicht zu.

Jedenfalls war ich sehr gespannt, als ich endlich auf Seite 233 ankam: «Das neue Leben». Ist das neue Leben auch eine Legende? Und hier nimmt das Buch eine interessante Wendung. Küng spricht vom „problematischsten Punkt” seiner Ausführungen. Dabei stellt er sehr richtig fest, dass die Auferstehung - Küng spricht durchweg von Auferweckung, weil er das Handeln Gottes in diesem Moment in den Mittelpunkt rückt - nicht Jesu Tod uminterpretieren darf. Das Sterben Jesu war ein wirkliches Sterben, es war ein Bruch und das Wort Jesu: Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast! (Matthäus 11,25  *) ist für ihn mit Recht eine zentrale Aussage.

Zunächst einmal türmen sich für Küng enorme Schwierigkeiten auf: Die Berichterstatter, die Evangelisten, sind nicht neutral, nicht unparteiisch. Dann sieht er, nachdem er die Wundergeschichten wegen Verstoßes gegen die Naturgesetze als Legenden abgelehnt hat, einen Rückfall, wenn er bei der Auferstehung Jesu jetzt doch einen „supranaturalistischen «Eingriff»“ annimmt. Es gibt keine Zeugen, die bei der Auferweckung dabei waren. In den Berichten erscheint immer der Auferstandene, nach Küng der Auferweckte. Und schließlich findet er in den Osterberichten nicht zu überwindende Unstimmigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Man ist schon sehr gespannt, ob Küng tatsächlich zu einer Auferstehung durchdringt. Er stellt mit Paulus fest, dass ohne den Auferstehungsglaube die ganze christliche Botschaft hinfällig wird. (Seite 240 Mitte: „Zumindest für die Urchristenheit gilt, dass der christliche Glaube steht und fällt mit dem Zeugnis von Jesu Auferweckung, ohne die die christliche Predigt leer und leer auch der Glaube ist, wie der Apostel Paulus zugibt.“) Damit hat er uneingeschränkt recht. Auf Seite 250 grenzt er sich klar ab von der missverständlichen Formulierung: «Jesus ist auferstanden ins Kerygma (Verkündigung) hinein». Jetzt hätte man ein klares Wort von Küng selbst erwartet, aber er zitiert Bultmann und stellt fest: „Jesus lebt auch nach Bultmann nicht, weil er verkündigt wird, sondern er wird verkündigt, weil er lebt.“ Und deutlich zu machen, dass die Auferstehung Jesu für ihn mehr ist als die Tatsache, dass wir heute noch über Jesus reden, zitiert er ein Sowjet-Oratorium, „wo am Totenbett Lenins der Rotgardist singt: «Nein, nein, nein! Das kann nicht sein! Lenin lebt, lebt, lebt!» Hier geht (ging nicht mehr lange) nur «Lenins Sache» weiter.“ Man merkt, es fällt dem Autor schwer, aber er zitiert sogar das «Sitzet zur Rechten des Vaters». Er dringt durch zum Glauben an die Auferweckung. Und dies ist die zentrale Botschaft.

Die Auferstehung war zu allen Zeiten und nicht nur heute eine Herausforderung für den Glauben. Die Predigt des Paulus von der Auferstehung führte auf dem Areopag unter griechischen Philosophen zu höflich zurückgehaltener Heiterkeit. Sie ist die zentrale Herausforderung für den Glauben, da müssen wir ehrlich mit uns selbst sein, für jeden von uns. Dabei geht es weniger um das formale Bekenntnis dieses Glaubens, das ist schon schwer genug, es geht primär darum, ob dieser Glaube unser Handeln bestimmt, ob er unsere Einstellung zu Leben und Sterben bestimmt. Dies fällt jedem von uns schwer, nicht nur Hans Küng. Leider zieht er nicht die naheliegende Konsequenz, dass jemand, der an die Auferstehung Toter glaubt, damit auch ganz einfach an die anderen Wunder des neuen Testamentes glauben kann. Denn wenn Gott dies gegen allen menschlichen Verstand getan hat, warum sollte ihm dann irgend etwas anderes unmöglich sein? Wenn Gott durch sein Allmachtswort gesagt hat: „Es werde Licht!” und dadurch das Licht mit all seinen physikalischen Eigenschaften erschaffen wurde, wie sollte diesem Gott irgend etwas unmöglich sein. Sollte er an einem Lazarus scheitern? Küng lässt uns mit der Frage alleine, warum er einerseits an die Auferstehung glaubt, andererseits aber alles andere, was nicht im Rahmen unserer alltäglichen Erfahrungen liegt, als Legende ablehnt. Braucht er die Legenden zur Abgrenzungen, damit er nicht für gar so einfältig gehalten wird? So finden wir auf Seite 253 die Aussage, Auferweckung sei „keine Rückkehr in dieses raumzeitliche Leben“, sie sei „keine Fortsetzung dieses raumzeitlichen Lebens“, sie sei vielmehr „Aufnahme in die letzte Wirklichkeit“. Es wird dann etwas nebulös, wenn er sagt: „Er ist im Tod und aus dem Tod in jene unfassbare und umfassende letzte Wirklichkeit hineingestorben, von ihr aufgenommen worden, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen.“ Jeder mag selber beurteilen, ob hier wieder alles fällt, was er gerade aufgebaut hat, oder ob hier etwas ausgesagt wird, was noch substanziell ist, denn unser Gott, der sich in Jesus als Vater offenbart hat, wie auch Küng deutlich herausarbeitet, ist mehr als eine „letzte Wirklichkeit“. Schade, hier hätte man etwas mehr Klarheit erwartet. Denn das Grab war leer, dies berichtet selbst der für Küng doch als primär verlässlich gehaltene Markus: Und sie gingen in die Gruft hinein und sahen einen Jüngling zur Rechten sitzen, bekleidet mit einem langen, weißen Gewand; und sie erschraken. Er aber spricht zu ihnen: Erschrecket nicht! Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist auferstanden, er ist nicht hier; sehet den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten! (Markus 16,5-6 *)

Küng schließt mit einem Kapitel über die christliche Lebenspraxis, indem er „Normen des Menschlichen“ darlegt, Nachfolge und Kreuzesnachfolge reflektiert, über Ethos und Weltethos spricht. Manchmal macht er es sich hier ein wenig leicht: „Sondern ein wahrhaft radikalen Humanismus, der auch das Unwahre, Ungute, Unschöne und Unmenschliche zu integrieren und zu bewältigen vermag ...“ Denkt er an Auschwitz und den Archipel Gulag? Und wenn, wie sieht der wahrhaft radikale Humanismus aus, der das integriert? Hier wären ein paar Worte mehr schon hilfreich gewesen.

Aber bis zum Schluss bleibt richtig, dass der Autor den Heiligen Geist offenbar in all diesen Betrachtungen ignoriert, jedenfalls unerwähnt lässt, bis auf einen kleinen Exkurs über die Sünde wieder den Heiligen Geist. Und das Wesen der Anbetung scheint Küng völlig fremd zu sein, denn auf Seite 280 taucht sie zum ersten Mal auf, leider in negativer Weise.

So ist dies Buch ein Zeugnis, dass der Glaube auch für einen Theologen, der die Bibel auf das historisch nachvollziehbare und naturwissenschaftlich überprüfbare reduziert, möglich ist, allerdings nur, wenn er den aus seiner Sicht geraden Pfad des historisch Nachvollziehbaren und naturwissenschaftlich Überprüfbaren wenigstens im Blick auf die Auferstehung verlässt. Der an sich naheliegende Schluss, nun auch die anderen Wunder anzuerkennen, weil der naturwissenschaftliche Glaube durch die Auferweckung durchbrochen ist, bleibt allerdings aus. Im Gegenteil offenbart sich hier, wie schwer es ein Theologe hat, wenn er sich einmal historisch kritisch über das Evangelium erhoben hat und die eine oder andere Unwahrheit in der Bibel unterstellt. Sprachlich interessant ist, dass niemand sagt, hier lügt Matthäus, sondern es heißt, Matthäus bringe hier seine eigene Theologie in den Bericht ein, obwohl sachlich eine Unwahrheit unterstellt wird. Die Aussagen, die Küng am Schluss macht, sind wichtige Aussagen über die Nachfolge und den Glauben. Sie sind aber auch mit starken Forderungen an den Menschen verbunden - neue Humanität. Dies könnte man böswillig auch als neue Gesetzlichkeit interpretieren, da es in seinen Ausführungen nicht von der aus dem Heiligen Geist resultierenden Kraft begleitet wird, die die Apostel immer wieder deutlich in den Vordergrund stellen. So zeigt das Beispiel, dass Küng in diesem Buch vorlegt, auch, wie schmal der Erkenntnisbereich ist, der dann noch übrig bleibt und wie wenig von der verändernden Kraft des Auferstandenen (Auferweckten) wirksam wird, wenn ich mich nicht für das öffne, was seit Pfingsten bleibender Besitz der Gemeinde Jesu ist, der Heilige Geist, von dem Jesus der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen sagt: Aber die Stunde kommt und ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Johannes 4,23-24 *)







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Nr.BibelstelleBibeltext
1Matthäus 11,25
1   2
Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast!Ja, Vater, denn so ist...
2Markus 15,34
Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabachthani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?Und etliche der Umstehenden, die es hörten,...
3Markus 16,5-6
1
Und sie gingen in die Gruft hinein und sahen einen Jüngling zur Rechten sitzen, bekleidet mit einem langen, weißen Gewand; und sie erschraken.Er aber spricht zu ihnen: Erschrecket nicht! Ihr suchet Jesus...
4Johannes 3,8
1
Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.Nikodemus antwortete und sprach zu ihm:...
5Johannes 4,23-24
1
Aber die Stunde kommt und ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater sucht solche Anbeter.Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn...
6Johannes 15,26
1
Wenn aber der Beistand kommen wird, welchen ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird der von mir zeugen;und auch ihr werdet zeugen, weil ihr von Anfang an...
7Johannes 16,13
1
Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist,...




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